Wir laufen über einen Schotterweg… rechts von uns ragen hohe, silberne Kamine über das Dickicht. An mehreren Stellen treffen wir auf wilde und bunte Wiesen, die wie ein Paradies für Bienen und Insekten wirken. Alles um uns herum wirkt natürlich, belebt und bunt. Der Wald ist nur einen Katzensprung entfernt und einen Zaun als Waldkante vermisst man hier…. oder auch nicht? Ich finde es schön, ohne Begrenzung direkt an der Waldkante zu zelten. Der Garten wirkt wie die Inkarnation eines Garten Eden und lockt nicht nur mit unzähligen, verführerischen Snacks sondern wirkt trotz seiner wilden Unordnung dennoch organisiert und „gekonnt“. Hinter einem Busch entdecken wir einen kleinen Badesee, in dem sich Kinder den heißen Tag zum Strandtag machen und die Häuser wirken irgendwie organisch in die Natur „eingepasst“… Sowie die vielen Bauwägen, die eine gewisse „Einfachheit“ des Lebens ausstrahlen.
Wir fühlen uns irgendwie sofort wohl und freuen uns auf die Tage, die vor uns liegen: im Ökodorf Sieben Linden.



Dafür haben wir unseren Aufenthalt im Sonnenwald verkürzt, und ich würde sagen, es hat sich gelohnt. Wenn man sich mit Gemeinschaften oder nachhaltigem Wohnen und Leben in Deutschland beschäftigt, dann stößt man früher oder später auf Sieben Linden. Die Gemeinschaft gibt es schon mehr als 20 Jahre und in Sachen nachhaltiges Bauen, Wohnen und Leben macht ihr kaum einer was vor. Auf dem gesamten Gelände gibt es „nur“ Trocken-Trenn-Toiletten, oder auch Kompostklos. Das Abwasser wird in der eigenen Pflanzenkläranlage soweit aufbereitet, dass es im Garten genutzt werden könnte (einzige Hürden: zu viele grobe Schwebekörper die das Bewässerungssystem verstopfen und evtl. Medikamentenreste) und die Häuser sind im Strohballenbau errichtet und beinahe vollständig kompostierbar.
Und so verhält es sich gefühlt mit allem, was es hier gibt. Alles ist irgendwie auf seine Nachhaltigkeit geprüft und es scheint, als ob die Gemeinschaft auch bereit ist für den Anspruch, so ökologisch und nachhaltig wie möglich zu sein, keine Kosten und Mühen zu scheuen.
Der Strohballenbau wurde z.B. mehr oder weniger in Sieben Linden erfunden, genauso wie das strikte und generelle Kompostklosystem. Das hat dazu geführt, dass der CO2-Footprint der Sieben Lindener bei ca. 1/3 des deutschen Durchschnitts liegt (2500 kg CO2-Äquivalente vs. 8000 im deutschen Durchschnitt) – was für eine unglaubliche Leistung.

Es gibt auch 50 bewohnbare Bauwägen im Dorf. Das schafft eine besondere Atmosphäre, ist aber aufgrund der fraglichen ökologischen Bilanz nur eine Übergangslösung, bis wieder ein neues Haus gebaut wird (Ziel: min. 300 Dorfbewohner in Häusern). Alle Menschen, die hier leben, sind angehalten irgendwann in ein Haus zu ziehen, so schön das Leben im eigenen Bauwagen auch sein mag.





Kein Gebäude ist wie das andere und sie sind nicht alle in Reih und Glied gebaut, sondern stehen etwas freier auf dem Gelände – immer in 3er oder 4er Gruppen. Durch die häufig beigen/braunen Farbtöne der Häuser, Holzverschalungen und Fenstereinfassungen aus Holz wirken die Häuser auch irgendwie so, als ob sie in die Natur passen würden. Die Bauwägen sorgen für das nötige Öko-Feeling 😉 (Obwohl sie verglichen mit den Strohballenhäusern schlechter abschneiden), fügen sich aber auch toll ins Gelände und wecken den Wunsch in uns, auch mal eine Zeit (oder unser Leben?) in einem Bauwagen oder Tiny-Haus zu leben.
Auf dem Weg nach Sieben Linden sind wir mit dem Bus noch durch ein konventionelles Neubaugebiet gefahren und wir können sagen: der Kontrast könnte größer nicht sein. Während der herkömmliche Neubau nicht nur hässlich, immergleich, nebeneinander gestopft und völlig funktional wirkt (häufig werden die wenigen Chancen auf etwas Grünes durch Steingärten vertan) sind die Häuser in Sieben Linden einfach schöner auf allen Ebenen. Gern geben wir euch ein Beispiel:





*Leider habe ich die Wolfsburger Neubausiedlung nicht fotografiert, aber sie sah so aus wie diese hier (Quelle: hier klicken)
Viele Dinge, die hier im Dorfkontext funktionieren wie z.B. Komposttoiletten, sind natürlich als Alternative für eine Großstadt undenkbar, aber dennoch verstehen wir Sieben Linden als den lebenden Beweis dafür, wie nachhaltig ein Leben sein könnte und wie weit wir technisch heute eigentlich schon sind. Es muss ja nicht alles sein wie hier, aber Skeptiker, die schon beim kleinsten Anflug von „könnte das nicht auch ökologischer sein“ das Gefühl bekommen, das sei ja alles gar nicht umsetzbar, können hier EINIGES lernen!
Sieben Linden ist für uns eine kraftvolle Aussage zum Thema Nachhaltigkeit und bedient, wenn man z.B. die Schwerindustrie ans eine Ende der Nachhaltigkeitsskala setzt, das genaue Gegenteil. Ja, es geht – man muss eben nur drüber nachdenken und mutig genug sein es einfach zu tun – und vielleicht auch mal ein Jahr länger über eine Entscheidung nachdenken und diese prüfen, um am Ende wirklich eine nachhaltige Entscheidung zu treffen. Und am Ende etwas mehr bezahlen als immer nur den billigsten Weg zu wählen (der ja aufs Ganze gesehen auch nicht billiger ist, die Umweltschäden werden eben nur nicht eingepreist). Ich bekomme hier das Gefühl, dass Nachhaltigkeit vor allem an der Gesellschaft hängt, die auf nichts verzichten will, anstatt an technischen Möglichkeiten.
Es ist viel mehr möglich, als man denkt. Und jeder, der das nicht glaubt: Kommt einfach her und schaut es euch an 🙂
Außerdem ist uns auch nichts aufgefallen, an dem es hier mangeln würde. In unserer Helferwoche im Garten sind wir auf nichts gestoßen, das sich wie ein großer Verzicht anfühlen würde – ganz im Gegenteil. Die viele Natur, das wunderbare essen, die netten Menschen, der freundliche Austausch – was kann man sich mehr wünschen? Wir fanden es toll.












Aber wir waren auch nur eine Woche da und auf unserer Reise haben wir uns ja extra vorgenommen, längere Zeit an einem Ort zu sein, um auch „hinter die Kulissen“ schauen zu können. Und unsere Erfahrung (und auch die sehr offenen Bewohner hier) sagt uns, dass natürlich auch in Sieben Linden nicht alles reibungslos läuft und alles wunderbar und problemfrei bzw. konfliktfrei ist – aber das muss es auch gar nicht, denn danach suchen wir nicht.
Ein so unkompliziertes Langzeithelfer-Programm wie im Sonnenwald gibt es hier in Sieben Linden leider nicht, weshalb wir nicht wissen, wann und ob wir wiederkommen können, um uns einen tieferen Einblick zu verschaffen und herauszufinden, ob wir hier leben wollen. Aber durch die hier stattfindenden Seminare zum Thema Gemeinschaftsfindung gibt es auch die Möglichkeit in diesem Kontext nochmal wieder zu kommen – das haben wir aber bisher noch nicht entschieden.
Fest steht, dass uns Sieben Linden beeindruckt hat mit seiner Konsequenz, seiner Vorbildfunktion, seiner Schönheit und seiner Ehrlichkeit. Denn auch hier hat man uns sehr offen und bereitwillig damit konfrontiert, wie herausfordernd das Gemeinschaftsleben sein kann und dass wir als Einzelpersonen gründlich prüfen müssen, ob wir dazu bereit sind und das möchten. Die Herausforderungen sind die gleichen, die wir auch schon aus dem Sonnenwald kennen: Viele Menschen, die an Entscheidungen mitbestimmen, Konflikte aushalten und lösen, viel viel Arbeit, die zu tun ist… Ein Lebensprojekt eben.
Nun sind wir den September erstmal in „eigener Sache“ unterwegs, bevor es dann Ende September in das Zukunftsdorf Waldhof geht – unserem nächsten Stop.
Bis dahin danke fürs Lesen 🙂

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