10 Tage Vipassana – ein Erfahrungsbericht

Einatmen… Ausatmen… Einatmen… Aus – Was wohl der Mann auf der Bahnfahrt meinte, als er sagte, Deutschland würde sich abschaffen? Ob er wohl den Klimawandel und die Maßnahmen der Regierung meint? Aber schaffen wir uns nicht auch ab, wenn wir nichts tun? Also ich finde ja, – Moment! Ich soll doch auf meine Atmung achten! Einatmen.. Ausatmen… Ein – Hoffentlich ist der Typ auf meinem Zimmer freundlich, weil wir ja jetzt immerhin 10 Tage da wohnen und ich gebe mir ja auch Mühe. Was soll ich eigentlich machen wenn – Moment! Atmung! Einatmen… Ausatmen… Einatmen… Aus – Ob der Krieg wohl noch lange dauern wird? Wie könnte man da eigentlich eine friedliche Lösung finden? Müsste nicht – MOMENT!!! AAAAAAH!! AAAATMUNG! Einatmen… Ausatmen… Ein – Wie das wohl wäre, wenn…

So könnte diese Geschichte endlos weitergehen. Es ist die Erfahrung, die ich gemacht habe, als ich stundenlang in Meditation sitzend auf meine Atmung achten sollte, um den Geist zu schärfen. Eine endlose Geschichte aus Abschweifen und Zurückholen des Geistes. Jeder Akt erfordert ein My an Disziplin – eine schier endlose Zeit lang… Denn gefühlt fällt es mir leichter meinen Gedanken nachzuhängen anstatt mich immer wieder auf die Atmung zu konzentrieren.

Doch ich bin schließlich nicht gekommen, um Youtube-Shorts in meinem Kopf zu spielen, sondern um Vipassana zu lernen und zu erfahren, also halte ich mich strikt an die Vorgaben und kehre zu meinem Atem zurück – unzählige Male.

Warum sich das wirklich lohnt und was ich in 10 Tagen Vipassana erfahren und lernen durfte lest ihr in diesem Artikel – schön, dass ihr euch dafür interessiert!

Ich habe meinen Kurs im Vipassana Zentrum Dhamma Dvara in Triebel gemacht, hier kommt ihr zur Website: Dhamma-Dvara. Vorneweg kann ich sagen, dass es dort wunderbar war und der Kurs unter den besten Rahmenbedingungen für mich stattgefunden hat. Danke an alle Helfer!

Zunächst möchte ich kurz beschreiben, was Vipassana ist, bevor ich schreibe wie es für mich war.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Vipassana?

Vipassana ist eine Meditationstechnik, die 2500 Jahre lang in seiner ursprünglichen Form nahezu identisch überliefert ist. Die Technik stammt vom Buddha selbst und beschreibt, wie er den Weg zur Erleuchtung gefunden hat – den Dhamma-Pfad.

Kurzer Einschub: Erleuchtung wird der Zustand genannt, in dem man vollständig von jedem Verlangen und jeder Aversion befreit ist und daher die Welt objektiv so sehen kann, wie sie wirklich ist. Daher bezeichnet der Begriff Vipassana, der aus der alten indischen Sprache Pali stammt, soviel wie: Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind bzw. Einsicht, Klarsicht.

Der Dhamma-Pfad beschreibt also einen Weg, den man geht, um sich vollständig von allem Leid zu befreien. Leid entsteht, so wie Buddha überliefert, dadurch, dass wir auf die Reize unserer 6 Sinne (5 Sinne + das, was unsere Gedanken in uns auslösen) immer unter den Gesichtspunkten „mag ich, mehr davon“ oder „mag ich nicht, weg damit“ reagieren. Die dadurch entstehenden Emotionen von Aversion und Verlangen manifestieren sich in komplexeren Emotionen (Gier, Lust, Leidenschaft bzw. Hass, Angst, Wut, etc.) und münden schließlich in eine Handlung, die sehr häufig zu Leid führt.

Der Buddha beschreibt diesen Prozess in 4 Schritten: Einer der 6 Sinne trifft auf einen Reiz von außen und sagt „Hier ist ein Reiz“. Als 2. Schritt wird dieser Aufruf von einem anderen Anteil des Geistes wahrgenommen, der sagt „Alles klar, habe verstanden, leite den Reiz weiter“. Weiter an den 3. Teil, der aus dem Reiz eine Empfindung im Körper erzeugt – eine wahrnehmbare Empfindung irgendwo im Körper – hier wird aus dem Reiz also eine körperliche Erfahrung. Und im 4. Schritt reagiert unser Geist auf diese Empfindung mit „Mag ich“ oder „Mag ich nicht“.

Da der Buddha erkannt hat, dass wir uns nicht befreien können indem wir die Außenwelt nach unseren Vorstellungen formen, muss der Wandel im Inneren Stattfinden. Vipassana setzt also am 4. Schritt an – an unserer Interpretation der Empfindung, die durch den Reiz ausgelöst wurde. Nur hier können wir selbst bestimmen und nur hier können wir frei werden von all den Aversionen und Verlangen, die, laut Buddha, für alles Leid in der Welt verantwortlich sind.

Auf diese körperlichen Reize reagieren wir Menschen häufig völlig unbewusst und sind uns nur des Gefühls der Aversion oder des Verlangens an der Oberfläche des Geistes, dem bewussten Teil, bewusst, ohne zu wissen warum wir reagiert haben – und häufig sogar ohne zu wissen auf was. Das findet im Unterbewussten statt.

So funktioniert die Technik

Ich versuche mich hier kurz zu halten, denn die Technik und die Philosophie dahinter sind sehr komplex. Mehr erfahren könnt ihr hier: Vipassana-Meditation nach S. N. Goenka.

Da ich kein Neurowissenschaftler bin weiß ich nicht, ob der Buddha mit seiner Beobachtung der Reizübertragung recht hatte, muss aber zugeben, dass seine Einsichten für den Kenntnisstand von vor 2500 Jahren schon sehr präzise sind. Ob aber z.B. auch ein Gedanke eine körperliche Empfindung auslöst, auf die ich dann reagiere, das weiß ich nicht genau.

Die Vipassana-Meditation setzt auf jeden Fall im 4. Schritt an – der unbewussten Reaktion auf eine Empfindung im Körper, die durch einen Reiz ausgelöst wurde.

Bei der Meditation wird zuerst die Anapana-Meditation angewendet, um den Geist zu schärfen. Dabei konzentriert man sich auf den natürlichen ein- und ausströmenden Atem und lenkt die gesamte Aufmerksamkeit auf den Bereich zwischen Nase und Mund. Dort ist dann nach einiger Zeit der Konzentration der Luftzug des Atems spürbar und auch andere kleine Empfindungen wie Jucken, Ziehen, etc. – es kann alles sein.

Sobald der Geist derart geschärft ist (bei einem 10-Tages-Kurs nach 3 Tagen Anapana) widmet man sich allen Körperteilen und beobachtet diese einzeln. Dabei soll in jedem Körperteil auf die Empfindungen geachtet werden, die gerade auftreten.

Das Wichtigste hierbei: absolut objektiv und gleichmütig bleiben – egal ob gerade Schmerz oder ein wohliges, warmes Kribbeln wahrgenommen wird. Durch diese Praxis (die restlichen 7 Tage) wird der Geist so „umprogrammiert“, dass man auf egal welche Reize, die im Augenblick wahrgenommen werden, immer mit Gleichmut reagiert.

Stück für Stück lernen wir dadurch, allen Reizen des Alltags mit völligem Gleichmut zu begegnen und sie damit so anzunehmen, wie sie sind, ohne sie im Sinne von „mag ich“ oder „mag ich nicht“ entweder zu vermehren oder loswerden zu wollen – man tritt der Realität gegenüber, wie sie wirklich ist und nimmt sie genau so an.

Das klang für mich sehr schlüssig und hat mich an verhaltenstherapeutischen Ansätze erinnert. Während diese jedoch eher an der Oberfläche stattfinden, wo Aversion und Verlangen bereits aufgetreten sind und wir uns dann für eine Handlung bewusst dafür oder dagegen entscheiden sollen, setzt Vipassana eben in der Tiefe an, sodass gar keine Aversionen und Verlangen mehr entstehen sollen. Das stelle ich mir sehr friedlich vor und bin von dem Ansatz überzeugt. Ob das wirklich stimmt wird sich ja mit fortschreitender Praxis zeigen.

Ob das Ganze wissenschaftlich bewiesen ist sei dahingestellt – feststeht, dass regelmäßige Vipassana-Meditation durch die Bank bei fast allen Praktizierenden zu mehr innerem Frieden, Mitgefühl und Lebensfreude führt und positive Ergebnisse erzielt. Und da mir der Ansatz des „Trainings des Geistes in seiner Reaktion“ sehr sinnvoll erscheint bin ich entschlossen, den Weg weiter zu gehen.

Im Alltag eines Nicht-Mönchs bzw. einer Nicht-Nonne wird je morgens und abends eine einstündige Vipassana-Meditation empfohlen. Dies setzt sich zusammen aus:

  • ein paar Minuten Anapana zur Konzentration des Geistes (z.B. 5 min)
  • der größte Teil Vipassana (z.B. 50 min)
  • wenige Minuten Metta zum Abschluss (z.B. 5 min)

Metta-Meditation ist eine Meditation, in der ich bewusst all meine Liebe und mein Mitgefühl für andere Menschen durch meinen Körper nach außen ausstrahle.

Weiterhin sollte man sich an die 5 Regeln des sila halten, um ein „pures“ Leben zu führen:

  • kein Lebewesen töten
  • nicht stehlen
  • kein sexuelles Fehlverhalten
  • nicht lügen
  • keine Rauschmittel

Während des 10-Tages-Kurses herrscht die „Edle Stille“, was bedeutet, dass man weder per Gesten noch mit Worten mit anderen Meditierenden kommunizieren darf.

Erleuchtung – The final goal

Jetzt kommen wir zu dem für mich eher philosophischen Teil, denn wenn es um Erleuchtung geht, dann gibt es keine aktuell lebenden Menschen, die als erleuchtete Menschen den Dhamma-Pfad lehren (zumindest habe ich keine im Internet gefunden). In den Geschichten des Buddhas wird gesagt, dass erleuchtete Menschen aus Mitgefühl für andere und deren Leid den Dhamma-Pfad weitergeben und sehr häufig Lehrer und/oder geistige Führer sind. Solche Personen gibt es heute nicht – selbst der Dalai Lama bezeichnet sich selbst nicht als einen vollständig Erleuchteten.

Das finde ich interessant, denn die Technik der Vipassana-Meditation ist eine sehr „weltliche“ und kommt vollständig ohne religiösen Überbau aus – und verspricht am Ende die Erlösung und das Eingehen ins Nirvana bzw. die völlige Auflösung der Existenz, energetisch und körperlich. Und zwar hier auf der Erde, nicht in irgendeinem Leben nach dem Tode. Da Vipassana-Meditation millionenfach unterrichtet wird sollte aber doch bei einer weltlichen Technik auch ein weltlicher Erfolg herauskommen – erleuchtete Menschen. Warum das nicht der Fall ist weiß ich nicht genau, lässt in mir aber irgendwie einen Zweifel an der Vollkommenheit der Technik zurück bzw. an dem, was als finales Ziel angepriesen wird.

Erleuchtung erlangt man dadurch, dass man vollständig ohne Aversion und Verlangen – und damit ohne Leid – ist. Während der Meditation begegnen dem Schüler immer wieder verschiedene Empfindungen im Körper, denen er, wie oben beschrieben, mit Gleichmut begegnen soll. Wenn er dies schafft, dann wird die Empfindung nicht ausgelebt und verstärkt, sondern „verpufft“. Das bewirkt, dass andere, ähnliche Empfindungen, die sich aus der Vergangenheit im Unterbewusstsein angesammelt haben, an diese Stelle treten können und ebenfalls aufgelöst werden, wenn der Praktizierende gleichmütig bleibt.

Auf diese Art kann der Lebensvorrat angestauter Empfindungen des Verlangens oder der Aversion ausgelöscht werden (wer dran glaubt auch die aus allen vergangenen Leben). Ist dies passiert, dann ist man frei von allen Leiden und ein Buddha – vollständig erleuchtet.

Ob dies nun wirklich funktioniert ist für mich eher unsicher, aber ich strebe auch nicht nach Erleuchtung.

Meine Erfahrungen

Zugegeben hatte ich großen Respekt vor der Vorstellung, 10 Tage lang ca. 10 Stunden am Tag zu meditieren – und ich denke zu Recht. Es gehört einiges an Selbstdisziplin dazu das durchzuziehen und sich bis zum Ende an die Anweisungen zu halten. Für mich persönlich war es auf jeden Fall eine bereichernde Erfahrung, die noch lange in mir nachhallen wird.

Ich bin zum Vipassana gegangen, weil ich nach innerem Frieden gesucht habe. Frieden in mir und Frieden mit einer Welt, die mir zusehends unverständlich geworden ist und zu der ich einen neuen, positiven Zugang finden will.

Meinem inneren Unfrieden durfte ich direkt von Anfang an entgegentreten – in der Anapana-Meditation. Es war am ersten Tag kaum möglich mich auch nur länger als 10 Sekunden am Stück auf meine Atmung zu konzentrieren, ohne dass mir ein Gedanke durch den Kopf ging und meine Aufmerksamkeit beschlagnahmte. Durch das ruhige Setup in der Meditationshalle waren zumindest alle anderen Reize extrem heruntergefahren. Ich war einzig und allein meinem „Monkey Mind“ ausgesetzt (der Begriff kommt von der Eigenschaft des unkontrollierten Geistes, sich wie ein Affe von Gedanke zu Gedanke zu hangeln) und der hat seinem Namen alle Ehre gemacht.

Sorgen über die Zukunft, Ängste von völlig übertrieben wahrgenommenen Situationen eventuell eintretender Dinge in der Zukunft, Gewaltszenen, Gedanken an Situationen, in denen ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe, der Tod nahestehender Menschen, völlig unzusammenhängendes Zeug, positive und erbauende Gedanken über die Zukunft, etc… Es nahm gar kein Ende und die Bandbreite war schier endlos. Es gab einfach immer etwas Neues, worüber ich nachdenken konnte.

Am Anfang dachte ich, das halte ich nicht durch, aber durch das gleichmütige zurückholen des Geistes zum Atem, was man gefühlt tausende Male tun muss, wurde es tatsächlich ruhiger im Kopf und es waren an Tag 3 mehrere Minuten ohne einen einzigen Gedanken möglich – was für eine Stille. Sieht so innerer Frieden aus? Wenn man gar nicht denkt? Irgendwie fühlte ich mich ohne die plappernde Stimme auch plötzlich so allein… Wer bin ich denn ohne meinen Daueranalysator aller Situationen in meinem Kopf? Und sollte ich für meinen Geist, der so viele übertriebene und fehlgeleitete Gedanken erschafft nicht vor allem Mitgefühl empfinden? Der Arme, dass er immer so viel Zeug erschafft und sich dann damit aus der Balance bringt…

Die Schmerzen beim stundenlangen Sitzen konnte ich zum Glück durch eine geschickte Kombination aus einem Meditations-Holzbänkchen und Sitzkissen gleich am 2. Tag extrem reduzieren, sodass weniger Ablenkung durch starke Muskelschmerzen zu verzeichnen war – etwas, was an Tag 1 ebenfalls eine große Herausforderung war und zu einer sehr unruhigen Meditation geführt hatte.

An Tag 1 hatte ich eine besondere Erfahrung: während der Meditation wurde ich für kurze Zeit von einem überwältigenden Glücksgefühl erfasst, was mir durch alle Glieder schoss und meine Meditation für einige Sekunden in eine absolut wunderschöne Zeit verwandelte. Dieser Zustand trat aber danach nie wieder auf – ein Geschenk, was mich zum weitermachen motivieren sollte? Ich habe es dankend angenommen 🙂

An Tag 2 hatte ich dann das erste mal für mindestens 2-3 Minuten keinen Gedanken im Kopf und konnte mich ganz auf die Atmung konzentrieren. Solange ich nicht daran gedacht habe, wie viele endlose Stunden ich wohl noch hier sitzen würde bevor ich nach Hause fahre, war es auch gar nicht „schlimm“ immer wieder von einer Sitzung in die nächste zu gehen.

Als der Verstand immer ruhiger wurde konnte ich dann an Tag 3 die ersten sehr feinen Empfindungen im Bereich unter der Nase empfinden, was ich trotz des Gebotes der Gleichgültigkeit gegenüber allen Empfindungen gefeiert habe.

Ab Tag 4 ging es dann mit Vipassana weiter und Stück für Stück habe ich die Empfindungen meines Körpers erforscht. An diesem Tag wurde mir zum ersten Mal klar, wie sehr ich mit meinen Gedanken identifiziert bin und habe den Entschluss gefasst, in Zukunft viel besser Acht zu geben, was ich denke und welche Emotionen mir da von meinem Verstand mitgegeben werden. Muss ich die überhaupt annehmen? Kann ich diese dem Monkey Mind nicht einfach überlassen, wo er sie schließlich auch ohne mein Zutun aus dem nichts erschaffen hat? Ich wurde mehr und mehr zum „Beobachter“ meiner 6 Sinne.

Das Wetter war wunderbar und in den Pausen konnte ich durch einen sonnengefluteten Wald und ein offenes Wiesenstück flanieren. Mir kamen ständig andere entgegen, doch durch die Edle Stille war man immer bei sich selbst. Es war schon ein besonderes Erlebnis, all diese Menschen zu sehen, völlig in sich gekehrt und man hatte keine Ahnung, wie es ihnen wohl ergeht. Sobald ich in den Pausen meinen Geist von der Leine ließ ging jedoch das Gedankenrattern schnell wieder los – was für eine unermüdliche Maschinerie, es ist beeindruckend.

Abends gab es jeweils eine Stunde Vortrag zum Dhamma-Pfad vom Lehrer der Strömung: S.N. Goenka. Diese waren als einziger intellektueller Input (es sind keine Bücher erlaubt, nicht mal ein Tagebuch) meine Tageshighlights und ich habe mich immer sehr darauf gefreut. Herr Goenka ist auch ein wirklich toller Redner und konnte die Motivation in mir, Vipassana in mein Leben zu integrieren, immer wieder neu entfachten, sodass ich fast immer nach dem Vortrag freudig zur letzten Abendmeditation in die Halle gegangen bin.

Mit den voranschreitenden Tagen habe ich Hochs und Tiefs erlebt und konnte vielem davon mit meinem neu gewonnenen Gleichmut begegnen. Nachdem ich an Tag 5 festgestellt habe, dass ich nach wie vor sehr von meinem Monkey Mind genervt wurde (da wurde mein Gleichmut extrem gestresst) habe ich das erste und einzige Mal eine Meditation vorzeitig beendet und mich, in ein Selbstgespräch vertieft, ins Bett gelegt – es ging einfach nicht mehr.

Mir wurde hier das erste mal so richtig klar, dass mein fehlender innerer Frieden auf die viel zu wenig reflektierten Gedanken zurückzuführen ist, mit denen mich mein Monkey Mind tagein tagaus überschüttet. Mir war vorher nicht klar, wie sehr ich ständig in Gedanken vertieft überall herumlaufe. Mir wurde klar, dass ich auf unzähligen Spaziergängen in der Vergangenheit einzig und allein auf irgendwelchen Gedanken herumgedacht habe, anstatt den Moment zu genießen in dem ich gerade bin – draußen in der Natur zum Beispiel.

Mein Verstand ist mein Wächter, der alle Emotionen sofort prozessiert, bewertet, zerlegt und sich auf alles stürzt, was nicht niet- und nagelfest ist. Dabei schlägt er völlig über die Stränge und verwandelt jeden Moment in einen Moment, in dem ich doch dringend über etwas nachdenken sollte. Z.b. die Zukunft. Oder meine Rente… wird das in Zukunft wohl reichen? Wurde ich hier und da nicht unfair behandelt? Wie kann diese oder jene Firma nur so etwas tun? Oder oder oder… es ist wirklich verrückt – und belastend.

Die erste große Erkenntnis: Wenn ich inneren Frieden will, dann muss ich nicht nur meine Emotionen beobachten, bevor ich blind handle („aus dem Bauch heraus“), sondern auch die Gedanken, die dadurch hervorgerufen werden („Dinge zerdenken und bewerten“). Viele meiner Aversionen und Verlangen werden durch die Gedanken in meinem Kopf erzeugt und ich brauche mehr Abstand. Eine neue „beobachtende“ Instanz in mir wurde geboren. Der Kurs hat sich jetzt schon gelohnt! Ich habe etwas sehr wichtiges über mich gelernt, durch direkte Erfahrung. Ich fühle mich dankbar für diese Erkenntnis.

Am Tag 8 wurde mein Verstand dann nochmal richtig aktiv und hat mich mit sehr emotionsgeladenen Szenarien, die völlig aus der Luft gegriffen waren malträtiert (ein Beispiel: Eine Horde bewaffneter überfällt die Meditationshalle und eröffnet das Feuer auf alle Meditierenden. Ich bin mittendrin und versuche zu entkommen und einen der Angreifer zu entwaffnen. Ein Krimi entwickelt sich in meinem Kopf, den ich zum Glück vorzeitig beenden kann – Einatmen… Ausatmen. Wo kommen solche Gedanken her? Und warum?).

Die Meditation zeigt echte Fortschritte und ich kann mich immer besser konzentrieren. Ich erlebe Zustände, in denen ich meinen Körper fast gar nicht spüre und Zustände, in denen mein gesamter Körper von kleinen Empfindungen überspült wird und ich sogar ins Innere meiner Organe hineinspüren kann – immer auf der Suche nach Empfindungen, die ich mit Gleichmut betrachten kann, um alte angestaute Zustände der Vergangenheit aufzulösen. Manchmal entwickle ich Enthusiasmus und muss mich dann streng an den Gleichmut erinnern.

Solange ich gleichmütig bin ist jede Meditation ein Erfolg, egal was ich spüre und egal was ich denke. Irgendwie macht es das einfach 🙂

Und nach einer schier unglaublich zähen Zeit ist endlich Tag 10. Die edle Stille wird aufgelöst und zum ersten Mal tauschen sich alle über ihre Erfahrungen aus. Der Tag ist wunderbar entspannt, wir lernen viel über das Zentrum, tauschen Erfahrungen aus, meditieren nur noch 3x am Nachmittag und lernen die Metta-Meditation kennen.

Endlich mal kein Gleichmut sondern Liebe an alle und an das Universum aussenden! Wie schön 🙂

Die Gespräche sind interessant und es ist schön zu hören, wie andere dieses eher außergewöhnliche Erlebnis wahrgenommen haben.

Fazit

Ich habe den Kurs verlassen mit einer großen Erkenntnis über mich und mein Verhältnis zu meinem plappernden Geist. Ich bin froh, einen wachen und funktionierenden Geist zu haben, der scharf interpretieren und gut beobachten kann. Doch ich habe gelernt, dass ich diesem Geist Grenzen aufzeigen muss – ich muss quasi mein Denken neu lernen bzw. häufiger Abstand aufbauen und in eine beobachtende Position meinen Gedanken und Gefühlen gegenüber gehen.

Ich habe gelernt, dass Menschen (mich inbegriffen) immer nur aus der Welt heraus handeln, die sie erschlossen haben. Viele Handlungen, mit denen sie sich selbst und anderen schaden, sind aus einer unbewussten Innenwelt geboren, einem „Betriebssystem“ wenn man so will, das noch nicht geupdatet ist auf Liebe und Mitgefühl. Es ist essentiell sinnvoll immer wieder nach diesen Updates zu suchen und seine eigene Innenwelt zu erforschen und zu verstehen, damit wir einander friedlich entgegentreten können und unsere Welt nicht nur durch Empfindungen von Verlangen oder Aversion gestalten.

Aus dieser Position heraus möchte ich Menschen, die sich selbst und/oder mich verletzen (durch Worte oder Taten), in Zukunft mit Mitgefühl anstatt Verurteilung und Aversion begegnen, denn ein reiner Geist würde sich so nicht verhalten. Und wenn ich mich so verhalte, dann möchte ich mir selbst mit Mitgefühl begegnen.

Ich würde jedem Menschen, der bereit ist sich gewissenhaft an die geltenden Regeln zu halten und die Selbstdisziplin aufbringen kann, 10 Tage am Stück zu meditieren, einen Vipassana Kurs empfehlen. Es ist nie falsch, etwas über sich zu lernen und ich bin froh, dass ich meine gewonnen Einsichten nicht nur intellektuell gewonnen habe, sondern durch direkte körperliche Erfahrung in der Meditation.

Ich bin sehr dankbar für diese außergewöhnliche Erfahrung und werde sicher nochmal einen Kurs machen 🙂

Eine Antwort zu „10 Tage Vipassana – ein Erfahrungsbericht”.

  1. […] Daniel stand neben der Familie vor allem der Vipassana-Retreat auf dem […]

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Einfach mal los!

Wir machen uns auf die Suche nach unserem Platz in der Welt.

folge uns auf unserem Instagram-Kanal

Proudly powered by WordPress

Datenschutzerklärung & Impressum