Der Garten Eden – anpacken statt meckern!

Zu diesem Artikel inspiriert hat mich die aktuelle Lage der Nachrichten sowie verschiedene für mich dystopische Zukunftsprognosen von „angesagten“ Neuzeitphilosophen. Da fiel mir ein Buch in die Hände, das von einer schönen Zukunft für die Menschheit berichtet und uns nahelegt, was es dazu braucht. Ich finde, dass es viel mehr solcher Impulse für eine Zukunft in Frieden und Fülle geben sollte und daher erzähle ich euch nun über dieses Buch und meine Gedanken dazu – und warum ich es so schön finde. Los geht´s, schön, dass du da bist 🙂

Schaffen, malochen, robotten, hustlen… wir bauen doch alle irgendwie an etwas herum! An unserem Bankaccount, unseren Autos, unseren Abschlüssen, unseren Karrieren, unseren Beziehungen, unseren Häusern… „Es gibt immer was zu tun“ – der Schlachtruf der Baumarktkette Hornbach.

Doch wie zielgerichtet ist unser Bemühen eigentlich? Gibt es überhaupt ein höheres Ziel, oder sind wir dem ungerichteten Aktionismus eines Alltags verfallen, der uns mit so vielen Verpflichtungen, Alltagsaufgaben und Ablenkungen überschwemmt, dass wir schon längst abgetaucht sind? Hat die Menschheit überhaupt ein Ziel, auf das sie gemeinsam hinarbeitet? Was wollen wir Menschen eigentlich sein? Wo wollen wir hin? Warum eigentlich so viel arbeiten, wenn wir doch schon ertrinken in Müll und Konsumgegenständen?…

Angenommen es kämen Außerirdische auf die Welt – als was würden wir gesehen werden wollen? Was würden sie aktuell sehen?

Ist eigentlich alles schlecht? Leben wir in einer Zeit des Schlechten, wo alles den Bach runter geht? Ich stelle in mir selbst einen gewissen Grund-Pessimismus und eine Desillusionierung fest… und wenn alles schlecht ist, wozu soll ich dann auf dieser Welt noch beitragen? Worein meine Zeit investieren?

Viele Fragen für den Anfang, und mitten in all diesen Fragen kam mir ein Buch in die Quere, aus dessen Inhalt und Einsichten ich gerne berichten möchte, weil es mich inspiriert hat. Dieses Buch heißt „Eden Culture – Ökologie des Herzens für ein neues Morgen“ von Johannes Hartl.

Ich möchte gern zu einigen zentralen Punkten Stellung beziehen und hoffe, dass euch meine Einsichten am Ende auch wieder etwas positiver stimmen können was die Welt angeht. Ich verrate schonmal so viel – nein, es ist nicht alles schlecht – absolut nicht. Ehrlich gesagt leben wir in den besten Zeiten, die es je gab… aber lest selbst.

Inhaltsverzeichnis

Bild: johanneshartl.org

Johannes… wer?

Johannes Hartl ist ein deutscher Philosoph, Redner, Autor… etc. – was man heute als erfolgreiche Person im öffentlichen Raum eben so ist. Vor allem ist er aber auch katholischer Theologe, was mir sehr gut gefällt. Das gefällt mir deswegen so gut, weil er bei all seinen Betrachtungen und Aussagen nicht nur einen weltlichen, sondern auch geistlichen und religiösen/spirituellen Rahmen betrachtet und dadurch, meiner Meinung nach, einen sehr viel ganzheitlicheren Ansatz verfolgt.

Meiner Meinung nach ist Moral und Wahrheit nichts, was sich jeder Mensch einfach selbst ausdenken und dann danach leben kann. Meiner Meinung nach sind wir Menschen nicht per se in der Lage, derart schwierige Entscheidungen zugunsten einer hohen moralischen Leitschnur zu fällen (z.B. der Feindesliebe), weil wir viel zu sehr von unseren Emotionen und Trieben gesteuert werden. Die Ausrichtung auf den eigenen Vorteil ist aufgrund unserer Evolution viel zu tief in die menschliche DNA eingegraben.

Deswegen machen wir Menschen Fehler und verhalten uns nicht so, dass z.B. jeder das gleiche Recht auf ein Leben in Frieden haben kann. Aber nicht, weil wir grundsätzlich böse sind, sondern weil wir Menschen sind, die eben nicht perfekt sind – und weil die Fähigkeiten, die es braucht, ein „guter Mensch“ zu sein, uns eben nicht immer flächendeckend und begreiflich gelehrt werden.

Herr Hartls Sichtweise ist für mich häufig sehr menschlich geprägt und konzentriert sich vor allem darauf, Menschen liebevoll zu betrachten, egal wie groß ihre Verfehlungen sind. Menschlichkeit bewahren, Mitgefühl üben, auch, wenn es unglaublich schwer fällt. Das ist es, was ich an ihm mag.

„Hasse die Sünde, Liebe den Sünder“

Bild: Kunstkopie

Garten Eden? Was ist das?

Den Garten Eden werden die meisten von uns aus der Bibel kennen. Im ersten Buch Mose, dem allerersten Buch im alten Testament, wird davon berichtet, wie Gott einen Garten erschafft, in dem die ersten Menschen (Adam und Eva) in einem Zustand „wie im Himmel“ leben. Es gibt keine Scham, kein Leid, keine Gewalt und es ist alles in Fülle vorhanden.

Dieses Konstrukt (da ich nicht bibelgläubig bin, halte ich diese Beschreibung für symbolisch und nicht geschichtlich) wird gerne verwendet, um das Bild einer perfekten Welt zu beschreiben, in der es kein Leid gibt und es allen Menschen gut gehen kann.

In der Fülle gibt es keinen Grund zu Neid, Hass, Gier, etc.

Die drei Qualitäten des Lebens im Garten Eden

Hartl beschreibt in seinem Buch vor allem drei herausragende Qualitäten des Lebens im Garten Eden, die seiner Meinung nach auch unser Leben hier auf der Erde in die Richtung eines persönlichen Garten Eden lenken können. Die Prämisse dabei ist, dass je mehr Menschen diese Qualitäten entwickeln, desto mehr werden auch andere davon profitieren, sodass es am Ende vielen Menschen gut gehen kann.

Diese drei Qualitäten sind:

  1. Verbundenheit
  2. Sinn
  3. Schönheit

Für mich klingt das sowohl auf einer seelischen, als auch auf intellektueller Ebene sehr sinnvoll, denn ich habe selbst noch nie alle drei Qualitäten in meinem Leben vereinen können. Da mein Leben jedoch stets auch von dem Gefühl einer gewissen Suche begleitet wird, glaube ich, dass meine Seele eben danach sucht, diese Qualitäten irgendwie zu integrieren.

Ein Leben aus Verbundenheit mit Menschen, in dem ich meine Zeit sinnvoll einsetze und dabei etwas Schönes erschaffen und erleben kann – was sollte mir als Mensch da noch fehlen?

Meine aktuelle Reise durch Lebensgemeinschaften spiegelt genau diese Suche nach Verbundenheit, Sinn und Schönheit wieder.

Jetzt sind diese drei Begriffe natürlich hochtrabende Luftschlösser, weshalb ich sie gern noch mit Leben füllen würde bzw. das gern der Argumentation von Herrn Hartl überlassen würde, die mir sehr „wahr“ vorkommt. Und das deswegen, da die Begriffe eben nicht durch meine persönlichen Neigungen und Triebe gefüllt werden, sondern von Tugenden und Werten, in denen auch Verantwortung für andere eine Rolle spielt.

Verbundenheit

Als Verbundenheit kann man grob das Gefühl beschreiben, nicht einsam zu sein, sondern mit etwas (oder jemandem, z.B. Gott) in Kontakt zu sein. Etwas, dass das eigene Leben in eine Perspektive bringt und das einem Kraft geben, einen aber auch herausfordern kann. In Verbundenheit lernen wir uns und andere besser kennen. Ob das nun ein Mensch, eine Pflanze oder Gott ist spielt dabei erstmal keine Rolle.

Herr Hartl nennt in seinem Buch vier Feinde der Verbundenheit:

  1. Selbstoptimierung
  2. „schnelles“ Leben
  3. verplante Kindheit
  4. Verlust der Sensualität

Da diese „Feinde“ fast alle für sich selbst sprechen möchte ich nur auf einen eingehen, der meiner Meinung nach etwas Erklärung brauchen kann: der Verlust der Sensualität.

Durch ein stetiges Abstumpfen unserer Sinne und unserer Gefühle durch die sehr intensive und übergriffige Unterhaltungsindustrie (Dazu würde ich heutzutage auch schon Nachrichten zählen, vor allem aber Streaming, Social Media, etc.) kommt es dazu, dass wir von Eindrücken überschwemmt werden und buchstäblich abstumpfen. Irgendwann fühlen wir nur noch was, wenn wir immer extremeres Material konsumieren und uns geht der Sinn für weniger „aggressives“ Material verloren. Für wahre Verbundenheit ist es aber wichtig, das Gegenüber in seiner Ganzheit wahrzunehmen und nicht nur seine/ihre Sensationen. Menschen werden durch Verlust der Sensualität zu konsumgegenständen unserer Sensationslust – wer nicht „krass“ genug ist der bekommt keine Bedeutung – wer Still ist wird ignoriert.

Dagegen gibt es fünf Wege zurück in die Verbundenheit:

  1. Aussöhnung mit eigener Geschichte – Vergebung
  2. Empathischer Umgang mit sich selbst
  3. überzeitliche Verbundenheit durch Traditionen
  4. Naturverbundenheit
  5. Spiritualität

Der liebevolle Blick auf sich selbst und auf andere ist für mich ein wichtiger Schlüssel zu Verbundenheit. Das richtig zu erfahren und zu leben ist, zumindest für mich, echt nicht einfach, da die Verurteilung von Menschen, die Dinge tun, die mir fern liegen, bei mir fast wie ein Automatismus abläuft. Und wenn ich selbst solche Dinge tue, dann ist es auch mit der Selbstverurteilung schnell geschehen.

Wenn wir uns und andere aber als fehlerhafte Wesen anerkennen können, dann brauchen wir uns selbst nicht böse sein, wenn wir mal nicht perfekt sind. Wir können dann liebevoll und gütig auf Fehler schauen und dadurch vielleicht beim nächsten Mal einen Fehler nicht mehr machen.

Der Ansatz, das Fehlerhafte im Menschen nicht zu verurteilen und sich auf das Gute dahinter zu konzentrieren, ist etwas, was mich an Hartls Sichtweise hier fasziniert, auch wenn es nichts Neues ist.

Doch etwas zu wissen heißt ja noch nicht es auch zu tun. Verurteilung kommt von allein, Mitgefühl und Güte müssen die meisten Menschen erst im Laufe des Lebens erlernen und kultivieren.

Je mehr wir uns mit etwas oder jemandem verbunden fühlen, desto mehr können wir uns öffnen und haben die Chance, Schmerzhaftes und Fehlerhaftes in unserem Innersten zu teilen. Wenn wir dann auf Mitgefühl und Verständnis stoßen haben wir die Chance zu heilen und somit ein Mensch zu werden, der dieses Mitgefühl und Verständnis auch für andere zeigen kann.

Das ist die große Kraft der Verbundenheit. Die innere Heilung des Schmerzes, der durch Trennung und Verurteilung in uns entsteht.

Dies kann auch durch den Kontakt mit etwas „Höherem“ entstehen. Fest etablierte Spiritualität und Glaube (z.B. durch Beten oder Meditation) sind selbst in der wissenschaftlichen Psychologie als starke Ressourcen angesehen, die Menschen häufig nicht nur resilienter machen, sondern auch dafür sorgen, dass ganzheitlichere Entscheidungen getroffen werden.

Außerdem ist zumindest für mich die Welt ohne die Existenz einer solchen „Höheren“ Macht, die eben nicht durch mich kontrollierbar oder verstehbar ist, eine öde Welt ohne Sinn, ohne Magie, ohne Demut, ohne etwas, an dem ich mich aufrichten und an dessen Liebe und Weisheit ich wachsen kann.

Sinn

Ich glaube, dass viele schon einmal die Metapher vom Schiff ohne Ziel auf dem Ozean gehört haben. Der, dessen Leben einen Sinn hat, der hat ein Ziel und kann so beständig ausgerichtet fahren, auch wenn mal ein Sturm kommt, oder eine Flaute. Der, dessen Leben ohne Sinn ist, der wird von jedem Sturm und von jeder Flaute von seinem Kurs abgebracht, fährt im Kreis herum oder kommt an Häfen an, an die er nicht kommen wollte.

Ein Sinn im Leben gibt Kraft und ist eine echte Ressource, die dafür sorgt, dass etwas erreicht werden kann. Ich glaube nicht daran, dass es einen Gott gibt, der für jeden Menschen einen individuellen Sinn geschaffen hat, aber ich glaube daran, dass man seinem Leben einen Sinn geben und diesen verfolgen kann, und dass dies nicht vergebens ist.

„Sinn wird entdeckt, nicht gemacht“ sagt Hartl dazu und ist da etwas anderer Meinung, was aber für einen katholischen Theologen auch Sinn ergibt. Ich finde die Idee, dass Gott für jeden von uns einen Plan hat auch sehr schön, aber meine Realität ist das nicht.

Ich finde, man darf sich bei einer sinnhaften Ausrichtung des eigenen Lebens aber gern an den eigenen Talenten und Temperamenten ausrichten – ob diese nun von Gott kommen oder woher auch immer bleibt für mich eine ungelöste Frage und auch gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist das ich mich damit verbinden kann und etwas daraus machen kann, was dazu führt, dass die Welt ein besserer Ort wird.

Dabei finde ich aber sehr wichtig, dass ich den Sinn, den ich meinem Leben gebe, nicht einfach aus meinen Bedürfnissen heraus erschaffen darf, sondern dass wahrhafter Sinn „nicht ohne höchsten Wert“ funktionieren kann (da sind Hartl und ich dann wieder voll auf Kurs). Umgangssprachlich: Ein Flugzeug besitzen kann kein wahrhafter Sinn sein, da dieser sich nur auf mich und meine persönlichen Bedürfnisse bezieht – für mich und Herrn Hartl funktioniert das so nicht.

Herr Hartl beschreibt das so:

  • Das Streben rein nach persönlichen Vorteilen ist eine Vergiftung des Geistes und kehrt Menschen gegeneinander
  • Sinnvoll bedeutet nicht angenehm, und ein Sinn ist kein Mittel zum Zweck
  • Das Streben nach hohen Werten (Tugenden) verleiht dem Leben Sinn
  • Sinn ist wichtiger als Glück
    • Die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse sollte der Verwirklichung des Guten und Sinnvollen unterstellt sein. Diesen Punkt finde ich deshalb so wichtig, weil es nur so möglich ist, dass Menschen, die mehr haben, an Menschen denken, die weniger haben. Verzicht z.B. funktioniert nicht ohne ein gutes Herz, da unser untrainierter Trieb zum Selbsterhalt niemals freiwillig etwas abgeben will, auch wenn er schon viel mehr besitzt als er eigentlich braucht.

Sinn finden können wir laut Hartl, indem wir uns etwas Größerem widmen als uns Selbst. Etwas, das mehr gilt als das Erfüllen unserer persönlichen Bedürfnisse. Eine gute Richtschnur können dabei die 7 Kardinaltugenden sein:

  • Glaube
  • Liebe
  • Hoffnung
  • Weisheit
  • Gerechtigkeit
  • Tapferkeit
  • Mäßigung

Uns im Wege stehen können dabei laut Hartl vor allem drei Dinge:

  • Die Kultur der Ablenkung
  • „moderne“ Philosophie, die jede Existenz von etwas „Höherem“ negiert
  • Transhumanismus, der davon ausgeht, dass der Mensch nicht mehr ist als ein nach Algorithmen funktionierender Zellhaufen

Ich habe schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass sowohl in der Philosophie als auch im Kern vieler Religionen immer von Qualitäten in einem „guten Menschen“ gesprochen wird, die sich lohnen zu kultivieren (z.B. die Kardinaltugenden). Doch warum weisen viele der großen, alten Schriften auf diese Qualitäten hin und verteufeln z.B. Völlerei, Neid, Habgier, Hass, etc.?

Für mich kann es nur einen Grund dafür geben: Das Wissen, dass es Menschen im Kollektiv und auch als Individuum besser geht, wenn alle solche Qualitäten aufweisen bzw. versuchen sich daran auszurichten, ist uralt und universell. Da es nicht den Trieben und Neigungen des Menschen entspringt, die häufig in die entgegengesetzte Richtung zeigen, müssen Sie eine andere Quelle haben. Vielleicht ein universeller Sinn?

Ob es uns als Menschheit wirklich besser geht wenn wir alle nach Tugenden handeln ist natürlich fraglich, da es eine solche Welt noch nie gab (Wenn man nicht an die Existenz des biblischen Garten Eden glaubt), aber in der Theorie erscheint es mir sinnvoll das mal auszuprobieren und dem zu folgen, was von Herrn Hartl hier aufgeführt wird.

„Nur sinnerfülltes Leben ist menschlich“.

Schönheit

Die Schönheit als dritte Instanz sorgt dafür, dass unsere Seele Nahrung erhält. Viele Menschen kennen das Gefühl von Erfüllung, Ehrfurcht oder einer Art Rührung im Inneren, wenn sie z.B. auf eine beeindruckende Landschaft schauen – oder auf ein wunderschönes Gebäude aus einer alten Zeit, über und über verziert. Ich persönlich habe auch schon Dinge gehört, die mich so tief berührt haben, dass ich durch die Schönheit der Worte oder der Musik inspiriert wurde.

„Das Schöne ist niemals effizient oder sparsam orientiert, sondern richtet sich am Menschen aus“. Dazu gehört auch eine Großzügigkeit, die häufig „mehr als nötig“ bedeutet. Denn für vollendete Schönheit braucht es dieses „mehr als nötige“, um in uns die oben genannten Gefühle zu erzeugen.

Ein vollständig auf Effizienz getrimmter Garten wäre nach heutigen Standards sicher eine Monokultur, die mit Chemie und Bewässerungssystemen so aufgebaut ist, dass sie möglichst viel Ertrag bringt. Doch ist das dann ein Garten Eden? Für mich nicht wirklich.

Viele Menschen kehren auf der Suche nach Schönheit zur Natur zurück, da diese verstanden hat, dass Uneffizientes trotzdem gut genug funktioniert und auch Verschwendung wie z.B. übergroße Blüten in tausenden Farben ihren eigenen Wert haben.

Ein Garten Eden kann uns erst dann nähren, wenn er auch schön ist, und wenn Menschen durch sein Antlitz berührt werden können.

In den heutigen Betonwüsten der Innenstädte oder Steingärten der Neubausiedlungen war es für mich schon immer schwer, den Bezug zu wahrer Schönheit zu finden. Es ist einfach, in einen effizienten Modus zu verfallen, da alles um einen herum eher effizient, übervoll und erschlagend anstatt anregend und schön erscheint. Ich fühle mich dann schnell leer und hohl im Inneren, aber aufgedreht und schnell im Außen.

„Das Schöne lehrt das Subjekt die Zurücknahme seines Selbst. Diese Rücknahme des Selbst sei für die Gerechtigkeit wesentlich“. Die Schönheit hilft uns also, etwas Größeres zu Erkennen und somit demütiger zu werden, was uns auch gerechter mit anderen macht. Das Schöne in einem Menschen zu erkennen hilft uns, ihn gut zu behandeln und das Schöne in ihm wachsen sehen zu wollen – so wie auch in uns selbst.

Ohne die Schönheit kann der Garten Eden nicht existieren, da weder Sinn noch Verbindung ohne das Schöne erkannt werden können. „Die Wahrheit kann an ihrer Schönheit erkannt werden“ sagt Hartl dazu und führt das Beispiel einer mathematischen Formel an: Je schlanker und einfacher diese ist, ohne dabei an Präzision zu verlieren, desto mehr Wahrheit können wir darin erkennen und umso beeindruckender wirkt sie auf uns.

Große Lebensweisheiten sind selten kompliziert, sondern kurz und knackig – und deshalb häufig wahr. Die Wahrheit ist häufig auch schwarz-weiß und wirkt etwas weltfremd, wenn sie auf den Menschen und die komplexe Welt angewendet wird. Das sorgt aber nicht dafür, dass sie weniger wahr ist.

Die Merkmale der Schönheit sind:

  • Symmetrie
  • Ordnung
  • Balance
  • Stimmigkeit
  • Einfachheit
  • Originalität
  • Zweckfreiheit

Das Schöne verfolgt keinen Zweck, sondern entstammt aus dem Inneren des Menschen heraus – aus einer (z.B. göttlichen) Inspiration, die Energie freisetzt, um das „mehr als nötig“ zu erschaffen.

„Schönheit ist das Feiern der Verbundenheit“

Eine sinnvolle Kultur des Erschaffens

Wie könnte also das Erschaffen, das Gestalten der Welt, was so tief in uns Menschen verwurzelt ist, aussehen, wenn wir die oben beschriebenen Qualitäten des Garten Eden darin verwirklichen wollen?

Hier gibt Hartl viel Raum für Utopien, was mir sehr gut gefällt. Denn eine Utopie einer schönen Welt nach diesen Qualitäten ist, wie bereits beschrieben, nur deswegen noch eine Utopie, weil wir nicht daran glauben bzw. nicht danach handeln oder sie nicht mal kennen – noch nicht.

Stattdessen finden wir uns wieder in endlosen Berichten über Dystopien wie der Klimakrise, künstlicher Intelligenz, die die Menschheit versklavt oder der Vorstellung eines Menschen, der in endlos ungebremster Selbstoptimierung selbst zu einer Art Maschine wird. Aber wollen wir wirklich so leben? Soll das unsere Zukunft sein? Oder entspringen diese Entwicklungen nicht eben diesem sinnlosen Aktionismus und der fehlenden ganzheitlichen Ausrichtung, von der ich am Anfang bereits gesprochen habe?

Mein Herz wird davon zumindest nicht berührt, sondern eher abgestoßen, da ich keine Schönheit darin finden kann. Ich glaube immer noch daran, dass Menschen gute Qualitäten entwickeln und damit eine Welt schaffen können, die einer Utopie entspricht.

Doch wie erkennen wir, dass eine Utopie auch tatsächlich eine Utopie ist, und nicht eine Ausgeburt individueller Bedürfnisse? Dafür können wir nur auf die Wahrheit zurückgreifen – und diese muss dann eben über den Menschen hinaus gehen und zu einer allgemeinen Wahrheit werden. Erkennen können wir sie an ihrer Schönheit und Einfachheit.

Ein Beispiel für eine universelle Wahrheit ist für mich Liebe. Egal wo und wer auf der Welt: Es ist niemals falsch, jemanden liebevoll zu betrachten bzw. ihm/ihr Liebe und Verständnis entgegen zu bringen. Wir glauben zwar in unserer bisherigen Welt, dass manche Menschen nur Strafe verdienen, aber in Strafe liegt für mich keine Schönheit, weshalb Strafe nicht universell sein kann. Strafe richtet sich immer nach individuellen oder gesellschaftlichen Auslegungen, die zu allen Zeiten und Orten auf der Welt verschieden waren und immer noch sind. Für die Liebe gilt das nicht.

Für mich sähe eine Utopie so aus, dass wir uns darauf einigen können, dass unser Schaffen wieder Mensch und Natur (unserem Garten) zugute kommt – und zwar überall auf der Welt. Dies sollte dann in einem Rahmen geschehen, der sich daran orientiert, was wir wirklich brauchen, um versorgt zu sein. Hier kommt die Wahrheit ins Spiel: Was brauchen wir tatsächlich, um ein gutes Leben führen zu können? Ist Verzicht wirklich etwas, was um jeden Preis verhindert werden muss, da es unseren „Wohlstand“ gefährdet?

Was konsumieren wir denn eigentlich nur, um z.B. etwas in uns zu unterdrücken, unseren Trieben zu folgen, unreflektierte Verhaltensmuster am Leben zu halten oder einfach, weil es uns eingeredet wurde? Was kann ein jeder verbrauchen, damit es fair bleibt? Wie sieht eine faire Welt aus, in der alle gleiches Recht genießen und nicht das Recht des Stärkeren herrscht?

Die Fairness ist ein Teil der goldenen Regel: „Was du nicht willst was man dir tu‘, das füg auch keinem anderen zu“. Jeder Mensch wünscht sich, bewusst oder unbewusst, so behandelt zu werden, wie er andere behandelt. Das ist für mich universell.

Die Schönheit hat dann ihren Platz dort, wo es darum geht, dass wir uns und unser Leben feiern und uns inspirieren lassen dürfen. Wir dürfen es uns schön machen und uns ergreifen lassen von dem was ist und was wir schaffen können, ohne dabei ins funktionale und zweckmäßige zu verfallen. Ohne uns und unsere Welt in einen Algorithmus zu verwandeln oder uns wie Maschinen zu behandeln. Wir können das Schöne in jedem Menschen sehen und unsere Unterschiedlichkeit feiern.

Der Sinn kommt dann ins Spiel wenn wir uns fragen, für was wir in so einer Welt unsere Zeit und Energie nutzen wollen. Es sollte etwas sein, dass nicht nur der eigenen Bedürfniserfüllung oder Bevorteilung dient und darf niemals maßlos sein. Natürlich dürfen und müssen Dinge produziert werden, aber vielleicht nur so viele und von einer Art, dass diese Dinge uns nützlich sind und uns nicht heillos überfordern oder unsere Welt in eine Müllhalde verwandeln. Der Sinn ermöglicht es uns, zu transzendieren und damit Teil von etwas Größerem zu werden – einer utopischen Gemeinschaft z.B..

Die Verbundenheit sorgt dafür, dass wir uns getragen fühlen können und somit in unsere Kraft kommen. Nur ein Mensch, der Verbundenheit spürt, hat die Chance kraftvoll und zugunsten anderer zu handeln. Ohne Verbundenheit fällt der Mensch auf sich und seine eigenen Bedürfnisse zurück und wird zum Einzelkämpfer für die Erfüllung seiner Bedürfnisse – auch um den Preis damit andere zu schädigen. Auch die Verbundenheit im Glauben (egal ob institutionell oder frei spirituell) ist eine starke Ressource und gibt uns, sofern der Glaube Wahrheit besitzt (z.B. Gewaltfreiheit), eine Richtung für sinnvolles Handeln in der Welt vor.

Die Welle an Depressionen, die die westliche Welt aktuell erlebt, entspringt nicht zuletzt einem Mangel an Verbindung, durch den Menschen immer mehr um sich selbst und ihre Bedürfnisse und Gedanken kreisen.

Wenn es doch auf der Welt genug Ressourcen für alle gibt und die Geburtenrate in Ländern, in denen die Menschen ihre Grundbedürfnisse befriedigen können, stagniert oder sinkt (Ausbeutung wegen Überbevölkerung wäre also kein Problem mehr), dann sollte es meiner Meinung nach möglich sein jedem Menschen auf der Welt ein Leben in Schönheit, Sinn und Verbindung zu ermöglichen. Das sollte unser höchstes Ziel sein! Denn was sollte es sonst sein?

All unser Erschaffen sollte sich meiner Meinung nach darauf konzentrieren.

Fazit

Ich habe das Buch von Johannes Hartl sehr gerne gelesen und es kam für mich zu einer Zeit, wo die negativen Nachrichten mal wieder permanent das Bild einer untergehenden Welt gezeichnet haben. Eine Krise jagt die nächste, keine Zeit zum Verdauen und durchatmen.

Doch dem ist nicht so. Es ist erwiesen, dass unser Gehirn negative Nachrichten deutlich stärker erinnert als positive und darauf auch deutlich emotionaler anspringt – mit Angst, Scham, Wut, etc. Daher ist es für den Sensationsjournalismus, der mehr auf die Anzahl der Klicks als auf die Wahrheit aus ist, einfach sein Ziel zu erreichen. Dass dabei nebenher eine verängstigte Gesellschaft entsteht und tiefe Gräben in demokratische Länder gerissen werden, ist wirtschaftlicher Kollateralschaden, ähnlich wie auch unsere Umwelt.

Doch in dem Buch wurde mir auch klar, dass wir aktuell in einer Zeit leben wie sie niemals besser war. Es ging uns als Menschheit nie besser – egal auf welcher Ebene. Globale Zahlen wie hungernde Menschen, flüchtende Menschen, Länder im Kriegszustand oder Kindersterblichkeit sind seit Jahren tendenziell und absolut auf dem Rückzug und gerade in unserer westlichen Welt hat der Lebensstandard bzw. das, was wir mittlerweile für den Standard halten, schwindelerregende Höhen erreicht.

Leider schreiben wir aber für diesen Standard gerade eine gewaltige Rechnung für zukünftige Generationen, und diese Rechnung wird die Natur uns Menschen irgendwann, vermutlich sehr schmerzlich, begleichen lassen. Ich glaube, dass wir den Klimawandel nicht mit Technologie, sondern nur mit einer gesellschaftlichen Wertetransformation besiegen können, genau wie Kriege und viele andere, meiner Meinung nach unnötige, Leiden in der Welt.

Wenn es uns möglich wäre, weltpolitisch mit Verbundenheit, Sinn und Schönheit auf die Welt und ihre Bewohner zu blicken, anstatt das Recht des Stärkeren auszuleben, dann bin ich mir sicher, dass wir Menschen in der Lage sind, die Welt in Richtung eines Garten Eden zu bringen.

Dazu müssen wir jedoch Qualitäten und Tugenden entwickeln, für die wir aktiv arbeiten müssen. Triebe hingegen beherrschen uns seit unserer Geburt und es ist viel einfacher nach ihnen zu handeln – sie sind einfach da und wirken in uns, ohne dass wir dafür irgendetwas tun müssen.

Hass statt Mitgefühl, Neid statt Großzügigkeit, Völlerei statt Maß… solange unsere Welt und unser Konsumverhalten darauf abzielen unsere niederen Triebe zu befriedigen (z.B. durch Werbung oder sog. „Clickbaits“) und uns dort festzuhalten, wird auch die Welt nicht von Mitgefühl, sondern vom Recht des Stärkeren beherrscht.

Das Recht des Stärkeren beinhaltet die Ausübung von Gewalt und kann deshalb niemals schön sein, niemals wahr sein.

Hier liegt für mich die eigentliche Wurzel menschlicher Probleme auf der Welt. Wir sind, trotz unserer Vernunftbegabung, immer noch auf einem Weg, der mit Gewalt den Willen weniger gegenüber dem Willen vieler durchsetzt – und wir kümmern uns zu wenig darum festzustellen, welchen gemeinsamen Willen es denn geben könnte.

Ich kann nur jedem empfehlen sich das Buch einmal durchzulesen und sich zu fragen, wo im eigenen Leben die Qualitäten Sinn, Verbundenheit und Schönheit anzutreffen sind und, falls nirgends zu finden, diese Qualitäten entwickelt und gelebt werden können. Es wird dadurch hoffentlich nicht nur uns persönlich besser gehen, sondern unseren Nächsten und schließlich der ganzen Welt auch.

Das ist meine feste Überzeugung. Danke Herr Hartl für die schönen Gedanken.

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