Vom ICH zum DU zum WIR – Erfahrungsbericht GIP und WIR-Prozess

geschrieben von Daniel

Der Gong erklingt und 30 Menschen blicken sich ratlos an, versinken in sich selbst und die große Frage: „Und jetzt?“, die gefühlt alle im Raum beschäftigt, liegt für mich wie ein schwerer Teppich über uns…. und er sinkt herab und drückt auf mich – auf uns. Ich spüre den Druck in meinem Inneren, spüre wie mein Herz schlägt und wie die unangenehme, beinahe schmerzhafte Stille mich aufwühlt und in mir kribbelt. Ich frage mich, was wohl passieren wird. Wer wird als erstes etwas sagen? Werde ich das sein? Aber: was soll ich sagen?

Diese totale Verwirrung, gepaart mit großer Unsicherheit, hat sich in den ersten Minuten des WIR-Prozesses ereignet, an dem wir Ende März 2024 in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof teilgenommen haben. Wir haben uns als kleine Kerngruppe von 5 Personen vorgenommen, mal einen Gemeinschaftsprozess zu machen, der extern angeleitet wird. Und es war wirklich eine sehr spannende und für mich völlig neue Erfahrung – doch lest selbst!

Was da alles passiert ist, worum es bei einem WIR Prozess geht, was eigentlich ein GIP ist ?! Und vieles mehr erfahrt ihr in diesem Artikel – schön, dass ihr mitlest und uns weiterhin begleitet!

Inhaltsverzeichnis

GIP – Gemeinschaft im Prozess

Wie der Name schon sagt geht es beim sog. GIP darum, in einer Gemeinschaft verschiedene Prozesse zu durchlaufen und somit ein Gefühl für grundlegende Säulen einer funktionsfähigen Gemeinschaft zu bekommen. Der GIP folgt dabei mit lebendigen Formaten dem Weg vom Ich zum Du zum Wir, ohne großen theoretischen Unterbau. Diese drei Dimensionen sind ein permanentes Spannungsfeld, das immer wieder betrachtet und justiert werden muss.

Anders als in einer klassischen Zweierbeziehung gibt es neben dem Ich und dem Du eben auch noch ein Wir, dass Aufmerksamkeit, Pflege und Liebe braucht, damit es nicht zerbricht. Somit pendeln Menschen in Gemeinschaften immer zwischen diesen drei Polen hin und her – ein Spannungsfeld eben.

Im GIP widmet man sich in 5 Tagen zunächst dem Ich nach dem Motto: Ich muss zuerst einmal wissen wer ich bin, was ich brauche und was ich vom Leben möchte, um dies dann einem Du und einem Wir zu kommunizieren. Danach kommt dann das Du ins Spiel wo es darum geht, andere Menschen in den gleichen Dimensionen zu sehen und Toleranz und Annahme zu entwickeln.

Als letztes kommt das Wir, was ebenfalls „eigene Bedürfnisse“ hat, wie Gefühle von Zugehörigkeit oder auch einer Ausrichtung, die den Individuen das Gefühl gibt, an etwas Sinnvollem und Gemeinsamen mitzuwirken. Alle drei Dimensionen müssen lebendig sein, damit eine Gemeinschaft existieren und auch zum Wohle aller funktionieren kann.

Im GIP war von vier Kernfähigkeiten die Rede, die sich im Umgang mit dem Ich, Du und Wir widerspiegeln müssen: Achtsamkeit, Ausdauer, Liebesfähigkeit und Klarheit. Dieser Wertekanon hat mich sehr angesprochen und ich möchte kurz wiedergeben, was das für mich bedeutet und warum ich glaube, dass diese Werte wirklich essenziell sind für eine funktionierende und florierende Gemeinschaft.

Achtsamkeit: Achtsamkeit ist für mich eine der grundlegendsten Fähigkeiten im Leben und erwächst aus der Stille. Wenn ich achtsam bin, dann kann ich spüren und reflektieren, was in mir los ist. Genau so kann ich das auch für andere tun. Nur so ist es möglich mich wahrhaftig mitzuteilen und um Annahme und Verständnis zu werben.

Ausdauer: Ausdauer ist wichtig, um nicht gleich beim ersten Problem das Handtuch zu werfen. Manchmal muss man einfach „dranbleiben“, auch wenn es schwierig ist. Ohne diese Fähigkeit, Spannungen auch mal auszuhalten, ist Gemeinschaftsleben und das Verfolgen einer Vision für mich nicht möglich, weil es dann immer gilt den angenehmsten und komfortabelsten Weg zu suchen. Ausdauer hat das Potential uns wachsen zu lassen an den Herausforderungen, die ein gemeinsamer Weg mit sich bringt.

Liebesfähigkeit: Die Liebesfähigkeit ermöglicht es mir, Menschen anzunehmen und zu lieben, obwohl sie Dinge sagen und tun, die ich nicht mag oder die mich triggern. Die Person und ihre Handlungen voneinander zu trennen und zu sagen „Ich mag dich, aber was du tust, das mag ich nicht“ ist ein Grundbaustein friedlichen menschlichen Zusammenlebens. Die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg ist hier eine tolle Möglichkeit, „liebesfähiger“ zu werden und einander in liebender Güte zu begegnen.

Klarheit: Viele Konflikte entstehen, weil Dinge unklar sind und so kommuniziert werden. Menschen können aus dem gleichen Satz verschiedene Interpretationen ableiten. Bedürfnisse, Ängste, Sorgen, Hoffnungen etc. klar zu reflektieren und auszusprechen, auch mit der Angst dann Ablehnung zu erfahren, ist für mich sehr wichtig, wenn auch sehr schwierig. Doch nur wer klar ist kann auch gesehen und angenommen werden. Je liebesfähiger eine Gemeinschaft, desto mehr Klarheit ist möglich.

So war der Rahmen vom GIP-Prozess. Was ich erlebt habe schildere ich euch weiter unten unter „Was wir erlebt haben“.

WIR-Prozess nach Scott Peck

Hier könnt ihr nachlesen, was der Tempelhof über den WIR-Prozess schreibt: WIR-Prozess. Für mich geht es im Kern darum, eine Gemeinschaft aus einer Pseudo-Verbindung in eine echte Verbindung zu überführen. Dies ist in Gemeinschaften, aber für mich eigentlich in allen menschlichen Verbindungen, super wichtig. Nur eine echte Verbindung hält auch Krisen aus, während eine Pseudo-Verbindung weder den Individuen an sich noch irgendwelchen Herausforderungen gerecht wird.

Auf diesem Weg hin zur authentischen Verbindung geht eine Gemeinschaft in einem Wir-Prozess meistens durch folgende vier Phasen („meistens“ deshalb, weil eine Gemeinschaft in jeder Phase steckenbleiben kann):

  1. Pseudo-Gemeinschaft
    • Die sog. Verliebtheitsphase. Alle finden alles toll, man ist geflasht von den Menschen und fühlt sich ganz beseelt. Alle „dunklen“ Seiten wie Ängste, Schwächen, Sorgen, etc. werden ausgeblendet und alle zeigen sich von ihrer besten Seite.
  2. Chaosphase
    • Hier treten das erste Mal Konflikte auf. Menschen sagen sich offen die Meinung, es gibt Trigger und Trotzreaktionen, Wut, etc. Unterschiede werden sicht- und fühlbar und das Gefühl von Destruktivität (oder sogar Toxizität) kommt auf. In dieser Phase ist das Verlangen, den Prozess zu verlassen, am größten.
  3. Loslassen / Leere
    • Nun fangen Menschen an sich in ihren tiefen Themen zu öffnen und Emotionen wie Schmerz, Trauer, Reue etc. zu zeigen, anstatt diese in Form von Wut anderen vor den Kopf zu werfen. Hier ist echte Verbindung wieder möglich. Menschen werden authentisch und nahbar.
  4. Authentische Gemeinschaft
    • Die Menschen sehen sich nun „ganz“. In Freude und in Schmerz, in Hoffnung und Verzweiflung, in Mut und in Angst, etc. Eine echte Herzensverbindung ist möglich und ein Gefühl tiefer Verbundenheit entwickelt sich.

Im Optimalfall landet man am Ende eines WIR-Prozesses, der über 2 Tage geht, in Phase 4. Das muss aber längst nicht immer der Fall sein – Gruppen können in jeder Phase „hängenbleiben“.

Das spannende ist, dass es im WIR-Prozess kein „Ziel“ gibt, denn ein authentisches Wir lässt sich nicht erreichen wie ein Projektabschluss in einer Firma. Im Tempelhof gibt es zwar zwei Personen, die den Prozess initial anleiten, diese werden dann aber, sobald es losgeht, zu Teilnehmer/innen und die Gruppe wird sich selbst überlassen.

Ein passender Vergleich ist hier: Man ist an Bord eines Schiffes, das den Hafen verlässt, was aber weder einen Kurs noch feste Rollen (z.B. Kapitän) hat. Alles ist der Selbstorganisation der Gruppe überlassen.

Es gibt lediglich drei Regeln, die wirklich befolgt werden sollten:

  1. Keine körperliche Gewalt
  2. Keine Drogen etc.
  3. Bleibe bis zum Ende

Darüber hinaus gibt es noch eine Fülle von „Empfehlungen“, die du hier wunderbar nachlesen kannst: Wir-Prozess-Beschreibung.

Was wir erlebt haben

GIP-Prozess:

Viel – das kann ich schonmal sagen. GIP und WIR-Prozess folgten bei uns direkt aufeinander, was eine wirklich spannende Kombination war. in den 5 Tagen GIP waren wir in einer Gruppe von 14 Leuten, die durch die gemeinsame Arbeit bereits zu einer Gruppe zusammengewachsen war. Danach kamen nochmal 15 Menschen dazu, um dann mit fast 30 Leuten in den WIR-Prozess zu starten.

Dadurch wurde die Dynamik der 14er Gruppe natürlich nochmal total aufgemischt und ich hatte am Ende für mich auch das Gefühl, dass wir nach 5 Tagen GIP immer noch in der Phase der Pseudo-Gemeinschaft waren, auch wenn einzelne Kontakte schon tiefer verbunden waren.

Im GIP habe ich in der Phase der Achtsamkeit nochmal herausgefunden, dass ein fundamentales Bedürfnis von mir das Urvertrauen in das Leben ist: Was auch immer das Leben mir bringt, ich werde es halten können ohne daran zu zerbrechen und ich werde das Beste daraus machen. An diesem Fundament darf ich noch arbeiten und es war sehr schön nochmal mit dem Teil in mir in Verbindung zu kommen, der sich da noch unsicher fühlt.

Hier durfte ich aber auch schon erfahren, wie gut mir meine spirituelle Arbeit im letzten Jahr getan hat und wie sehr Glaube bereits eine starke und stabile Ressource geworden ist.

Weiterhin haben wir noch geforscht was uns triggert, was für eine Story ich über mich erzähle, was meine Vision – mein „Licht“ ist und was aber auch mein Schatten ist. Dies waren die Themen der Punkte Achtsamkeit und Ausdauer.

Ein Learning war auch, dass ich Ausdauer nur haben kann, wenn ich meinen Schatten kenne und weiß, was in den dunklen Ecken meines Seins so vor sich geht – und von dort emporsteigt. Ansonsten bin ich nur gefangen in Gefühlen der Abneigung und will einfach nur eines: Weglaufen – und im schlimmsten Fall sogar ohne zu wissen warum.

Ich glaube daran, dass unsere Trigger nie von Außen allein kommen, sondern viel mehr Dinge in uns zum klingen bringen. Und wenn dann etwas sehr schlecht „klingt“ und ich darauf reagiere, dann hat das häufig viel mehr mit mir und meiner Weltanschauung zu tun als damit, dass andere Menschen schlecht sind oder mir etwas böses wollen.

Da ich so nicht in der Opferrolle lande, kann ich Spannungen auch aushalten und konstruktiv an einer Lösung arbeiten – mit mir und mit anderen. Klarheit ist da ganz wichtig für mich. Klar mit mir selbst zu sein, um mich zu verstehen und klar mit Anderen zu sein, um sie zu verstehen.

Dann haben wir noch unsere Vision – unser „Licht“ kommuniziert und durch die Negierung dessen unseren Schatten herausgefunden. Das ist aber nichts für diesen öffentlichen Blog ;). Ihr könnt mich aber gern einfach kontaktieren und ich tausche mich gern darüber aus!

Durch einen Arbeitseinsatz in der Gemeinschaft sollte das Thema Ausdauer beleuchtet werden: Kein Projekt in der echten Welt kann existieren, ohne praktisch mit anzupacken. Und Anpacken ist eben nicht immer leicht und angenehm, sondern vieles muss einfach getan werden. Beim 2. Arbeitseinsatz durften wir dann auch nicht mehr auswählen, wo wir mitarbeiten, sondern haben einfach ein Los gezogen.

Das fand ich schön und eine sinnvolle Lektion, denn Anpacken ist eben an vielen Ecken gefragt und wenn ich immer nur dort anpacke, wo ich es ganz toll finde, dann bleiben am Ende viele Arbeiten, die die Mitglieder einer Gemeinschaft nicht so toll finden, einfach liegen. Und das gefährdet bzw. zerstört dann ein Projekt sehr schnell.

Die Fähigkeit, sachlich zu sein und seine eigenen Bedürfnisse auch mal (natürlich nicht permanent) für das höhere Wohl der Gemeinschaft hinten an zu stellen bedarf meiner Meinung nach einer besonderen Reife. Ich habe festgestellt, dass ich nicht in einer Gemeinschaft leben will wo diese Reife nicht vorhanden ist bzw. nicht zum Kern-Entwicklungsthema gehört.

Beim Thema Liebesfähigkeit bin ich dann mit einem Teil in mir in Kontakt gekommen, der sehr unsicher ist wenn es um den Aufbau von Kontakt mit anderen geht. Dieser Teil kaschiert diese Unsicherheit dann mit: Reden! Ganz viel Reden. So baue ich Verbindung auf. Beim GIP sollten wir Verbindung über Tanz, Spüren und Präsenz aufbauen, was für mich sehr neu war und mich SEHR! unsicher gemacht hat. Dennoch hat es geklappt und ich war tief berührt. Mein Learning: Mich mal mehr mit anderen Methoden der Kontaktaufnahme beschäftigen wie z.B. Contact-Impro oder andere körperlichere Formate.

Dann habe ich mir noch eine Traumreise ausgedacht und alle Teilnehmer damit beglücken dürfen – das fand ich sehr schön 🙂 Mache ich viel zu selten!

WIR-Prozess

Nach 5 Tagen gemeinsamem GIP wurde unsere Gruppe dann für den WIR-Prozess nochmal um 15 Leute ergänzt, sodass wir am Ende (ich weiß es gar nicht mehr genau) so an die 30 Menschen waren.

Ich kannte das Prinzip vom WIR-Prozess schon und hatte mich auch schon mit Menschen unterhalten, die an einem teilgenommen haben. Ich war sehr gespannt – zum Glück vor allem auf positiv – neugierig – forschende Art und Weise.

Der Anfang, von dem ich oben gesprochen habe, war wirklich eine völlig neue Erfahrung für mich. Diese Ziellosigkeit und dieses „sich selbst überlassen sein“ als komplette Gruppe war schon eine spannende Erfahrung. Und die Menschen sind alle auf ihre völlig eigene Art und Weise damit umgegangen.

Einige sagten, dass Sie die Start-Stille sehr genießen würden und sich freuen würden, wenn der ganze Prozess so bleiben würde. Und ich dachte nur: „Sind die wahnsinnig? Diese Stille ist doch das Unangenehmste ever!“. Allgemein war ich fasziniert davon wie häufig mein innerer Ver- und Beurteiler sich auf die anderen gestürzt hat – aber das kenne ich schon von mir….

Im WIR-Prozess durfte ich hier aber nochmal lernen, dass mein innerer Verurteiler eigentlich nur versucht meinen Selbstwert zu schützen, indem er andere Weltanschauungen und Interpretationen von Situationen verurteilt und mir sagt, dass ich auf jeden Fall schon das richtige denke und sage! Gut, dass er kein eigenständiger Teilnehmer des WIR-Prozesses war, denn dann wäre die Chaosphase schon nach 10 Minuten losgegangen :D.

Irgendwann hat dann eine Person die Stille nicht mehr ertragen und einen Lachkrampf bekommen, der herrlich unauthentisch und völlig „daneben“ bei mir ankam. BAM! Verurteilt! Und nach und nach haben dann die ersten Menschen, auch ich, mal gesagt, wie komisch sie sich fühlen. Manchmal wurde einfach ein Thema aufgemacht und gleich der nächste Wortbeitrag hat es wieder geschlossen…

Alles in allem ist der Prozess von ziellosem Zickzack hin und her geprägt gewesen und jede Wortmeldung hatte das Potential, eine neue Richtung vorzugeben.

Irgendwann kam dann das Chaos – und das fand ich sehr belebend und spannend. Mein innerer Verurteiler ist dann tatsächlich durch mich zu einem Teilnehmer geworden, denn ich habe Wut und Konfrontation freien Lauf gelassen – so wie andere auch. Dann sagt man sich einfach mal ins Gesicht, dass man genervt ist von einer Person oder bestimmte Dinge GANZ! anders sieht!

Diese Integration meiner Wut und das fließen lassen dieser starken Energie hat sich für mich wahnsinnig belebend angefühlt und auch andere waren sehr mit ihrer Wut in Verbindung, ohne dass der Prozess jetzt aber in totaler Missgunst und Aggressivität ausgeartet ist. Menschen waren wütend, konnten dies aber mit Anstand und Würde zeigen – das habe ich sehr begrüßt und hat einen großen Schwung Authentizität in die Runde gebracht! So konnte die Wut da sein, die Menschen beleben, ohne dass eine echte Gefahr davon ausging.

Das Chaos war für mich wirklich eine richtig spannende und belebende Phase und es war auch spannend zu sehen, wie die Menschen, die nie gelernt haben wütend zu sein oder mal einen Konflikt auszuhalten, sehr still und unsicher wurden – bereits die ersten großen Learnings für alle.

Ein guter Freund hat mal gesagt „Wut ist ein schwieriges Beziehungsangebot“ – wie Recht er damit hatte durfte ich hier erfahren.

Nachdem am Samstagmorgen das Chaos für mich einen persönlichen Höhepunkt hatte und ich sehr wachsam und belebt war, ging es danach in eine Phase der tiefen inneren Stille. Ich bin irgendwie vom Prozess ausgecheckt und habe stundenlang aus dem Fenster gesehen – in tiefster innerer Stille. Das war auf der einen Seite ein totaler Segen, weil die Stille wirklich vollkommen war, auf der anderen Seite habe ich aber auch echt einiges verpasst, weil meine Empathie ebenfalls völlig zum Erliegen gekommen ist.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich durch irgendwas in eine Taubheit und Abgrenzung verfallen bin oder ob ich einfach nur in der Lage war den Raum zu halten ohne dabei selbst in die Emotionen anderer hineingezogen zu werden. Ich habe mich auf jeden Fall innerlich fest und stark gefühlt und auch mein innerer Verurteiler war in der Stille.

Das Chaos wurde dann durch einzelne Wortbeiträge immer wieder auch unterbrochen und Menschen haben versucht, durch das Teilen persönlicher Geschichten wieder Verbindung zu gewinnen. Das fand ich sehr mutig!

Und dann kam völlig aus dem Nichts plötzlich das vermutlich authentischste und ehrlichste und – fast schon heiligste – „ich suche dich in meinem Leben“, was jemand in der Gruppe zu jemand anderem gesagt hat, was ich bisher dort gehört habe. Das war so authentisch, dass ich zuerst in die Abwehr gegangen bin, aber später wurde mir klar, dass das die Einleitung in die 3. Phase des Prozesses war – das Loslassen vom Chaos.

Am Samstag Abend hat sich der Raum – oder unser gemeinsames Schiff – dann in Richtung wahrhaftiger Verbindung aufgemacht und die Menschen haben angefangen, sich in ihrem Schmerz und ihrer Trauer zu zeigen. Der Raum wurde von heiliger Energie erfüllt und jeder einzelne Beitrag hat mich tief im Herzen berührt, sodass ich nach einiger Zeit ein so offenes Herz hatte wie ich das selten habe. Ich bin heute noch tief berührt und unglaublich dankbar für das, was an diesem Abend passiert ist.

Die Themen Tod, Verlust, Trauer und Trennung haben den Raum erfüllt und es war wunderschön zu sehen, wie stark der Raum gehalten wurde, sodass so viel Trauer und Schmerz darin Platz hatte. Ich hatte das Gefühl, dass manche Menschen dort das erste Mal offen über ihre großen Schmerzthemen gesprochen haben und sich einfach gesehen und angenommen gefühlt haben. Und es war aber auch spannend zu sehen wie die Menschen, für die Tod und Schmerz ein verdrängtes Thema ist, nicht Teil dieser heiligen Verbindung sein konnten, da sie ihre Mauern hochfahren mussten.

An diesem Tag bin ich tief beseelt und verbunden ins Bett gegangen – was ein Tag. Von der Chaosenergie in die totale Stille und dann in die totale Herzensoffenheit und Verletzlichkeit – wahnsinn!

Am letzten Tag waren dann alle immer noch sehr im Thema Schmerz und Leid verbunden und es ging, wenn auch nicht mehr ganz so intensiv, damit weiter. Ich selbst durfte sowohl am Samstag Abend als auch am Sonntag morgen Menschen, die ich sehr liebe, offen meine Zuneigung aber auch meine Angst und Verletzlichkeit zeigen und einfach mal sagen „Du bist mir so wichtig im Leben. Du bist eine Säule für mich. Ich habe Angst, wenn du nicht mehr da sein solltest. Lass uns gemeinsam einen Weg gehen, denn du bist mir geschickt worden. Du bist nicht allein, denn ich bin für dich da!“ – ich muss jetzt, während ich das schreibe, fast weinen und diese Erinnerungen werden mich noch lange begleiten – Danke!

Ich würde sagen, dass wir in unserem Prozess alle 4 Phasen durchlaufen haben, denn am Ende haben sich alle Menschen (auch die, die im Chaos mächtig aneinander geraten sind) wirklich herzlich voneinander verabschiedet und auch wir als 5er Gruppe haben einen weiteren Schritt in eine authentisch verbundene Gemeinschaft gemacht.

Das war auf jeden Fall nicht mein letzter WIR-Prozess und ich bin sehr sehr dankbar für das, was ich da erlebt habe. Klare Empfehlung an alle: Macht das mal mit, denn ihr lernt auf jeden Fall was über euch – versprochen!

Wie es jetzt weitergeht

Tja, mittlerweile müsste ich schreiben „Wie es dann weiterging“, denn wir waren sehr schreibfaul in der letzten Zeit – sorry dafür.

Wir haben es geschafft, zu 5. als kleine Gemeinschaft die Möglichkeit zu haben einen Monat im Zukunftsdorf Waldhof zu verbringen – da waren wir letztes Jahr (2023) für fünf Wochen und uns sind vor allem die Menschen dort sehr in Erinnerung geblieben.

Diese gemeinsame Zeit ist für unsere 5er Kerngemeinschaft der nächste Schritt auf der Reise in eine gemeinsame Zukunft und damals war ich sehr erfreut, dass dies nun Realität wird. Wir scheinen vom Universum einen guten Rückenwind zu bekommen, denn in dem gemeinsamen Monat sind wieder sehr schöne Dinge passiert, die ich dann im nächsten Artikel erzählen werde – und wir haben eine große Entscheidung getroffen! Doch dazu dann mehr im nächsten Artikel!

Falls du es bis hierher geschafft hast, dann danke ich dir für deine Leselust und hoffe, dir einen spannenden Einblick in das Thema GIP- und WIR-Prozess und allgemein das Thema Gemeinschaft gegeben zu haben. Danke und bis bald 🙂

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