geschrieben von Elsa
Wow, schon eine Woche richtig unterwegs. Urlaubsmäßig, noch vor den Gemeinschaften. Und trotzdem ist es Teil unserer Reise. Wir machen Erfahrungen abseits vom vorherigen Alltag und sprechen darüber. Darüber und über unsere Vorstellungen vom Leben. Unsere Erwartungen an eine mögliche Gemeinschaft.
Kapitel
Aber wo sind wir denn überhaupt unterwegs? Nachdem unser erster „richtiger Stopp“ in Wales klar war haben wir uns überlegt, wie wir dorthin kommen. Fliegen war schonmal raus, ein Auto haben wir nicht und ist zu zweit auch nicht so die klimafreundlichste Variante… Also war ganz schnell klar, dass es der Zug wird. Die Strecke ist recht weit und dann fiel uns auf, dass doch auf dem Weg (oder knapp daneben) tolle Orte liegen. Zeit haben wir, wieso also dann nicht die Anfahrt für eine Tour nutzen? So wurde es schließlich ein Interrail-Ticket. Mit vier mehrtägigen Aufenthalten. Erster Stopp: Utrecht.
Utrecht
In Utrecht waren wir für drei Tage und sind durch die wunderbare Altstadt und durch das Umland gelaufen und gefahren. Diese Stadt, wenigstens der Altstadtkern, eingeschlossen von der Oudegracht, ist einfach wunderschön. Die Grachten verleihen dem Ganzen einen venezianischen Flair, die alten Häuser und Gässchen einen Romantischen. Überall sind Fahrräder unterwegs und für unseren Aufenthalt schien auch noch die Sonne.
Das Wahrzeichen der Stadt, der Dom, bietet eine grandiose Aussicht – aktuell leider nur eingeschränkt, da der Turm gerade restauriert wird. Die Besonderheit hier: der Turm ist vom Kirchenschiff abgetrennt. Durch einen Tornado wurde das Mittelstück des Doms im 17. Jahrhundert zerstört und nun ist zwischen restlichem Kirchenschiff und Turm ein öffentlicher Platz entstanden. Noch ein fun-fact, den wir bei der Führung auf den Turm erfahren haben: Früher wohnte der Domwächter in einem abgetrennten Raum innerhalb einer Kapelle im Turm, die über 20 Meter hoch über dem Domplatz liegt und betrieb dort nebenher ein Café, bzw. einen Bierausschank. Der Zugang erfolgte über eine dementsprechend lange Leiter von außen. Spannende Angelegenheit 😀
Mit dem Fahrrad sind wir dem Fluss Vecht Richtung Norden gefolgt, zum Schloss Zuylen und dann weiter über das Land und durch Tienhoven. Wegen des Torfabbaus und hohen Grundwasserspiegels entstanden dort nach und nach immer mehr Kanäle und ganze Seen. Eine wunderbare Landschaft mit so viel Flair, dass wir uns direkt in ein Häusschen verliebt haben, das auch noch zu verkaufen ist. Wenn wir also keine Gemeinschaft finden, kommen wir vielleicht nochmal her… 😉

Auf dem Rückweg ging es zum Kasteel de Haar, dem größten Schloss der Niederlande, das wirklich sehr beeindruckend ist und im letzten Jahrhundert noch viel genutzt wurde. Hier trafen sich wohl alle berühmten oder einflussreichen (oder beides) Persönlichkeiten und wohnten sogar luxuriöser als die Königsfamilie. Heute kann man sich einen Teil der Räume anschauen und staunen.
An einem Abend waren wir in einem veganen Restaurant und haben es uns richtig gut gehen lassen. Ein 4-Gänge Menü, das einfach unglaublich lecker war. Sponsored by Arbeitskolleg*innen und Familie 🙂


















Weiter ging es dann über Calais nach Dover. Die Fahrt mit dem Zug von Utrecht nach Calais hat uns im Vorhinein einige Sorgen bereitet, weil wir so viele Umstiege mit teils sehr kurzen Anschlusszeiten hatten. Ohne das Mitwirken der deutschen Bahn ist das aber anscheinend gar kein Problem – wir kamen immer super pünktlich und ohne Stress an. Calais war für uns nur Zwischenstopp. Aber hier war ich nach Jahren endlich mal wieder am Meer! So ein schönes Gefühl 🙂

Die Überfahrt nach Dover hat uns dann doch wieder einige Nerven und Geduld gekostet. Hier sind Fußgänger eher selten und alles ist auf Auto- bzw. LKW-Verkehr ausgelegt. Wir sind aber dennoch gut angekommen.
Dover
England. Endlich wieder England. Ich bin großer Fan, einfach so, bzw. vor allem wegen Jane Austen und der wunderbaren Landschaft und Sprache. Nun also Dover. Einnehmend ist definitiv der Fährhafen. Und der ist weder schön noch leise. In der Kernstadt ist dieser allerdings nicht mehr zu sehen oder zu hören und es gibt noch ein paar historische Gebäude, die den englischen Charme schon ganz gut transportieren.
Hier haben wir uns etwas mehr Zeit gelassen, alles etwas ruhiger angehen lassen. Auch, weil es mich irgendwie ein bisschen erwischt hat. Trotzdem klappt es, dass wir bei schönstem Wetter den Coast Path über den weißen Kalkklippen zum South Foreland Lighthouse laufen können. Nachdem wir den Hafen hinter uns gelassen haben ist es wunderschön, der Ausblick auf das Meer, das am Horizont mit dem Himmel verschwimmt, die weißen Klippen, die Vögel… Ein Wellness-Tag für die Seele würde ich sagen, mit einer ausgiebigen Pause am Langdon Beach, direkt am Wasser. Mit Wellenrauschen und Sonne genießen.
Dafür dann am nächsten Tag die Besichtigung des Dover Castle. Ein völliger Kontrast. Sonne weicht Dauerregen, Unbeschwertheit weicht der Last der Geschichte. Dover Castle ist ein strategisch und symbolisch wichtiges Bauwerk mit so viel Geschichte. Das „Tor nach England“. Erbaut im 12. Jahrhundert und im Laufe der Jahre bei jedem Krieg erneut erweitert (in die Tiefe) oder reaktiviert worden. Größtes Thema bei unserem Besuch war die Mission Dynamo, die Evakuierung eines Großteils der Alliierten Truppen aus Dünkirchen im Mai 1940. Die Bilder und Videoaufnahmen sind eindrücklich. Dazu die unterirdischen Gänge, von denen aus die Mission gesteuert wurde. Der Ausblick über den Hafen auf den Kanal der heute vor allem von Fähren befahren wird. Kaum vorstellbar, wie es zu dieser Zeit hier war. Das drückt auf die Stimmung, ist aber gerade jetzt wieder wichtiger denn je. Die Schrecken des Krieges nicht zu vergessen. Sich bewusst zu sein.








Erkenntnisse
Kleine Gesten
Etwas, das mir bisher besonders aufgefallen ist und das ich wieder mehr in mein eigenes Leben bringen möchte, sind kleine gute Taten. Wir wurden mehrmals ungefragt angesprochen und uns der richtige Weg gezeigt. Alles, was es dafür von diesen Menschen brauchte war die Beobachtungsgabe, dass wir gerade nicht so genau wissen, wo lang und ein kleines bisschen Hilfsbereitschaft. Das waren nur kurze Begegnungen, und diese Menschen haben es wahrscheinlich schnell wieder vergessen. Für mich aber sind sie noch sehr präsent und wirken nach. So eine kleine Geste, die doch so viel ausmachen kann. Sie zeigt mir die Menschlichkeit und das Gute in uns.
Fahrradstraßen
In Utrecht und im Umland waren wir so was von positiv überrascht von der Fahrradinfrastruktur. Aus Deutschland kommend, und zwar nicht aus einer der etwas Fahrradtechnisch-fortschrittlicheren Städte, ist mir das völlig neu gewesen. Es gibt eigene Spuren für beide Fahrtrichtungen, Ampeln und Schilder. So macht das Radfahren richtig Spaß. Aufgrund der super Möglichkeiten sind auch wirklich viele Fahrräder unterwegs, hier fahren gefühlt alle – unabhängig von Alter oder körperlichen Fähigkeiten. Dadurch muss man auch wirklich gut schauen und sich in den Fahrradverkehr einfügen, aber das ist eine so tolle Alternative! Die Leute bewegen sich, der Verkehr in der Stadt wird viel leiser und vermutlich wird auch die Luft besser. Erkenntnis hier ist einfach wie viel eine gute Stadt- und Verkehrsplanung ausmacht. Wenn ich mir vorstelle, dass alle Menschen, die wir in Utrecht auf dem Fahrrad gesehen haben, mit dem Auto durch die Stadt fahren würden… Puh.

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