Verantwortung – des Einen Glück ist des Anderen Unglück

„Im Grunde genommen ist beinahe die gesamte produzierende Industrie nicht über das Kindesalter hinausgewachsen. „

– unbekannt

Als ich das das erste Mal gehört habe, wurde ich hellhörig – was war damit gemeint?

Im Allgemeinen ist doch das Gründen einer erfolgreichen Firma und das Tauziehen auf dem hart umkämpften Markt etwas, was nicht nur viel Mut erfordert, sondern einen auch in vielen Bereichen fordert und man sich weiterentwickeln muss, um bestehen zu können. Außerdem wird dieser Weg weitgehend mit großem Respekt der Gesellschaft belohnt.

Wobei ich schon zugeben muss, dass der Wettbewerb, wer der tollste Technik-Platzhirsch ist, schon sehr kindisch anmutet, aber das war hier nicht gemeint.

Gemeint war ein ganz einfacher Fakt:

Die Allermeisten bringen ihrem Kind im Laufe des Erwachsenwerdens irgendwann bei, dass, wenn das Kind das Zimmer verwüstet hat, es dieses auch wieder aufräumen muss. Das ist auch gut so, denn sonst versteht das Kind nicht, dass die eigenen Handlungen Folgen haben, die jemand anders tragen muss – in diesem Fall nämlich derjenige, der dann das Zimmer aufräumen muss.

Einige Jahre gönnt man seinem liebsten Schützling den Spaß völlig frei und ohne Konsequenzen zu handeln und die Welt zu entdecken, doch es kommt der Tag, an dem man dem Kind beibringen sollte, dass wir in einer Welt leben in dem Verhalten Konsequenzen mit sich bringt – immer, auch wenn man diese vielleicht nicht direkt sehen oder spüren kann (sog. externalisierte Effekte).

Im Falle des Zimmerverwüstens: Aufräumen!

Inhaltsverzeichnis:

Warum bringen wir das allen Kindern bei, aber unseren Planeten vermüllen wir ohne dafür die Konsequenzen zu tragen?

Das war auch damals mit dem Zitat gemeint. Wir sind zwar super im Erzeugen und brüsten uns mit mit unseren Erfindungen, aber wer räumt das eigentlich alles wieder auf, was wir da so produzieren? Moderne Gesellschaften produzieren Unmengen Zeug, welches sich nach Ende der Lebensdauer zusehends auf allen Teilen der bewohnbaren Welt (inklusive aller Gewässer) breit macht, aber aufräumen? Das soll mal wer anders machen.

Sind wir also alle nicht richtig erzogen? Oder warum vergessen wir diese Lebensweisheit, sobald es um Profit geht? Und wer gibt uns überhaupt das Recht die Welt derart zu behandeln? (Besitz ist schließlich nur ein menschliches Konzept und kein allgemeingültiges Naturgesetz)

Offensichtlich gibt es ein Problem mit dem Verantwortungsbewusstsein. Und da mich dieses Thema interessiert lasse ich euch gern an meinen Überlegungen teilhaben.

Eine kurze Geschichte der Produktionssteigerung

Die folgende Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit:

Eines Tages war ich auf einer Schulung, in der uns industrielle Wertschöpfungsketten erklärt wurden. Um das ganze authentischer und „anfassbarer“ zu machen, wurden auch Experten aus den jeweiligen Bereichen eingeladen, denen man Fragen stellen konnte und die ihre Branche vorgestellt haben.

Der gerade nach vorne gegangene Experte gehörte einer plastikproduzierenden Sparte an und erzählte eifrig und stolz über die Erfolgsgeschichte von Plastik – und das man im vergangenen Jahr eine Menge von > 5 Mio. Tonnen erreicht habe.

5 Mio. Tonnen Plastik. Eine unfassbare Menge (zumindest für mich als Laien), in nur einem Jahr. Nur eine Firma.

Darauf hatte ich nur eine brennende Frage: „Was passiert mit all dem Plastik, wenn es nicht mehr gebraucht wird? Wer räumt das weg? Und wohin?“

Die Antwort dauerte eine Weile, da wohl mit so einer Frage nicht gerechnet wurde. Sie fiel dann relativ einfach, aber realistisch aus „Das müssen dann die gesellschaftlichen Strukturen vor Ort erledigen – Müllabfuhr, Recycling, etc.“

„Und wenn es diese Strukturen vor Ort nicht gibt? Oder sie nicht funktionieren? Verzichtet man dann auf einen Verkauf oder hilft man vor Ort beim Aufbau solcher Strukturen?“

„Nein, das ist dann nicht unser Verantwortungsbereich“

Ist das wirklich so? Sind die Gesellschaften dieser Welt verantwortlich dafür die Millionen Tonnen Müll, die von Unternehmen für den Privatgewinn produziert werden, aufzuräumen?

Haben wir da überhaupt Lust zu? Und viel wichtiger: Haben wir eigentlich eine Wahl?

Verantwortung – was ist das?

Verantwortung lässt sich natürlich in X Ausführungen definieren, beschreibt aber generell die Fähigkeit, sich selbst vor der Ausführung einer Tätigkeit einzuschätzen (Kann ich das überhaupt schaffen) und danach die Konsequenzen der Entscheidung (Handeln oder nicht Handeln) so gut es geht vorauszusehen und abzuwägen.

Das daraus entstehende Verantwortungsbewusstsein gibt mir einen klaren Hinweis darauf, worauf ich bei meiner bevorstehenden Handlung zu achten habe und ob Kosten und Nutzen in einem vertretbaren Verhältnis stehen.

Was für ein Verhältnis, das ist ist natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber egal wie jeder von uns gepolt ist, eines sollten wir nicht vergessen:

Wir alle leben auf diesem Planeten und egal wie weit ich die externen Kosten (z.B. Umweltverschmutzung) meiner Handlungen auch auf andere Teile der Welt auslagere – jemand muss die Konsequenzen tragen. Auch wenn ich das (noch) nicht bin.

Die Frage ist nur: Sind wir willens so weit zu denken?

Wollen wir in unseren Handlungen auch die Verantwortung für die betroffenen Teile der Erde und die dort lebenden Menschen, Tiere und Pflanzen tragen?

Und wenn ja, wie sähe die Welt dann aus?

Wie würde der „Experte“ dann seine 5 Mio. Tonnen Produktion rechtfertigen? Würde er auch so handeln, wenn der ganze Müll direkt auf dem Firmengelände oder in seinem Garten landen würde? Denn streng genommen würde eine vollumfänglich verantwortliche Handlung das mit sich bringen.

Ich persönlich glaube, dass es unmöglich ist sämtliche Konsequenzen eigenen Handelns abzuwägen, weil dafür schlicht Informationen fehlen. Offensichtliche Folgen abzuschätzen ist jedoch sehr wohl möglich und nötig (Die Folgen massenweisen Verkaufs von Plastik in einem Land ohne Recyclingsystem abzusehen kann jedes Kind)!

Auch wenn die 100% natürlich unmöglich sind ist mein Gefühl aktuell jedoch, dass wir viel zu wenig Verantwortung übernehmen. Sehr viel zu wenig.

Wie sonst könnte man z.B. erklären, dass eine Technik, die so gefährlichen Müll wie Atommüll produziert, als „nachhaltig“ eingestuft wird, nur weil kein CO2 anfällt? (Wenn man die etlichen Tonnen CO2 vernachlässigt, die bei Bau und Instandhaltung verwendet werden)

Teile des Atommülls können 24.000 Jahre oder länger in tödlicher Stärke strahlen… und wer muss es wegräumen? Richtig – irgendjemand in der Zukunft. Unsere Kinder. Denen wird schon was einfallen. Wir verbuddeln oder versenken es erstmal.

Solche Beispiele verantwortungslosen Handelns gibt es zuhauf.

Welche Verantwortung habe ich?

Bei vielen Dingen, die passieren, fühle ich mich machtlos und habe kein Verständnis dafür, wie jemand mit einem gesunden Menschenverstand derartige Dinge genehmigen bzw. ausführen kann.

Schnell entsteht das Narrativ „Die Politik ist Schuld“ oder „Die großen Konzerne sind Schuld“ – und ich denke das stimmt zum Teil auch.

Was aber glaube ich häufig vergessen wird ist: Wir als Konsumenten wollen die Produkte ja aber auch haben, die durch derartig verantwortungslose Praktiken entstehen!

Hier eine kleine Liste:

  • Billige Energie
  • Billiges Fleisch
  • Billige Medikamente
  • Billige Mode
  • dicke Autos
  • etc….

Wie sähe die Welt aus, wenn z.B. alle sagen würden „Nein, wenn billiges Fleisch bedeutet, dass Milliarden Tiere auf dem Planeten ein leidvolles Leben haben und zusätzlich dazu die Umwelt noch stark belastet wird, dann esse ich lieber vegetarisch oder vegan“

Oder: „Wenn ständiges in den Urlaub fliegen bedeutet, dass meine Kinder und Enkelkinder auf einem dürregeplagten Planeten mit Verteilungskriegen um sauberes Trinkwasser leben müssen, dann verzichte ich lieber und fahre z.B. mit dem Zug an die Nordsee“

Richtig: Es gäbe keinen Markt mehr für billiges Fleisch oder billige Flugreisen. Und das lässt sich auf viele Bereiche des Lebens übertragen. Natürlich werden das niemals alle tun, aber eine kritische Masse von vielleicht 20 oder 30% reicht meist schon aus, damit sich der Markt anpasst.

Und in unserem entfesselten Kapitalismus ist nach wie vor der Markt der Haupttreiber für Innovation und Kapital – und somit für Veränderung. Ändern sich die Märkte durch veränderten Konsum, dann müssen sich die Firmen anpassen oder sie gehen pleite (Banken mal ausgenommen).

Natürlich sind die Mechanismen häufig komplexer und es ist nicht immer möglich und sinnvoll ganze Märkte zu zerstören. Aber auch hier gilt: Die Welt ist nicht schwarz-weiß und es wird eh niemals dazu kommen, dass „alle auf einmal“ etwas tun, was die Wirtschaft zerstört.

Sehr wohl können und sollten wir als Konsumenten aber Märkte erheblich stressen und ihnen neue Werte und Standards aufzwingen, indem wir einfach nur eines tun: Die Produkte zu boykottieren! Von selbst werden Konzerne das nämlich nicht tun.

Mein Konsum hat also – wie alles andere auch – Konsequenzen. Und somit geht mit meinem Konsum auch eine Verantwortung einher. Ob ich das will oder nicht.

Und bei all dem Politik- und Firmenbashing finde ich, dass vor allem eines einen Unterschied macht: Bewusster Konsum.

Das Unbequeme daran ist jetzt nur, dass sich auch daraus eine Konsequenz ergibt: Ich bin handlungsfähig. Manche freuen sich darüber, andere sind gestresst, denn nun werde ich plötzlich mit etwas konfrontiert, dass mir einiges abverlangt, nämlich

Verzicht

Verzicht ist ein Wert, der mir in den letzten Jahren immer bewusster geworden ist und der aktuell für mich auch immer wichtiger wird.

Verzicht bedeutet für mich verantwortungsvoll zu konsumieren, und wenn es das gewünschte Produkt nicht aus einer Quelle gibt, die meinen Werten entspricht, dann verzichte ich darauf und konsumiere etwas anderes – oder gar nicht.

In diesem Sinne zu handeln ist für mich eine echte Herausforderung, denn der Wunsch viel Geld zu haben, aber für Dinge des Alltags nur wenig ausgeben zu müssen ist natürlich sehr verlockend.

Da bleibt viel mehr Geld für Urlaube, Konsum von Luxusgütern, Ansparen für schlechte Zeiten (Sicherheit), etc. Für das, was wir im Allgemeinen Wohlstand nennen.

Verzicht ist auch deswegen so eine Herausforderung, da es kein schönes Gefühl ist, denn wir wollen etwas haben, „gönnen“ es uns aber nicht. Da braucht man einen starken Willen, um so starken Gefühlen wie Geiz, Gier und direkter Bedürfnisbefriedigung etwas entgegen setzen zu können.

Und so einen starken Willen können wir nur dann aufbauen, wenn Verzicht ein echter Wert für uns ist. Und dieser Wert entsteht aus dem Verantwortungsgefühl, dass es sich zwar gut anfühlt nicht zu verzichten, dadurch aber eben die Verantwortung für andere Menschen und andere Teile des Planeten untergraben bzw. wissentlich ignoriert wird. Und das nur, damit ich mich gut fühlen kann. Damit ich in meinem „Wohlstand“ verbleiben kann.

Für mich steht fest: Wenn wir als Menschen nicht lernen, dass wir eine Verantwortung für den Erhalt dieses Planeten und den darauf lebenden Wesen haben und unseren Wohlstand durch bewussten Verzicht einschränken, dann sehe ich schwarz für die Zukunft der Erde.

Unser aller Reflektionsvermögen und Verantwortungsbewusstsein ist also gefragt!

Außerdem finde ich es traurig und schade, wenn wir als Menschheit nicht über unsere Triebe und die damit einhergehende kurzfristige Bedürfnisbefriedigung hinauswachsen wollen. Vor allem mutet es besonders dämlich an, wenn diese Bedürfnisbefriedigung so schwerwiegende Folgen wie Klimaerwärmung, Artensterben und Verschmutzung bis hin zum Entzug der Lebensgrundlage hat. Wollen wir da wirklich sehenden Auges hinein rennen?

Verantwortung als erster Schritt

Nehmen wir mal an die Antwort lautet nein.

Wie kann ich also verantwortungsvoll konsumieren? Indem ich mich über das, was ich kaufe, informiere.

Das ist anstrengend und muss ja nicht sofort in allen Lebensbereichen passieren, aber Ernährung z.B. könnte ein guter Start sein. Das ist nicht nur für die eigene Gesundheit sinnvoll, sondern hat auch noch einen echten Impact auf den Klimawandel und andere Tiere und Menschen auf dem Planeten.

Danach kommen die Werte dran: Was ist mir denn wichtig? Ist mir Gesundheit ein Wert? Dann ist vielleicht Bio sinnvoll. Ist mir die Umwelt wichtig? Dann ist vielleicht Bio und Vegetarisch wichtig. Ist mir der Respekt vor anderen Lebewesen wichtig? Dann ist Vegan sicher eine gute Lösung. Erst wenn die Werte klar sind ist es möglich eine Entscheidung unabhängig von Bauchgefühl und „Haben wollen, weil lecker“ zu fällen.

Seit ich eher wertebasiert konsumiere bin ich schon hunderte Male schwach geworden und habe gegen meine Werte dem Bauchgefühl nachgegeben, aber immerhin habe ich danach Reue gespürt und diese Reue hat dazu geführt, dass ich Stück für Stück immer mehr in Richtung meiner Werte komme und immer seltener Schwach werde.

Diese sogenannte kognitive Dissonanz (Ich weiß, dass das, was ich gerade tue, nicht meinen Werten entspricht, aber ich tue es trotzdem weil das Gefühl zu stark ist) – die Lücke zwischen Vorsatz und tatsächlicher Handlung – sorgt für ein Gefühl von Zerrissenheit und eigener Schwäche (oder sogar Schuld), die ein sehr starker Antrieb sein kann sich mehr in Richtung der eigenen Vorsätze zu bewegen – oder diese eben über Bord zu werfen.

Doch wer will schon gern Dinge, die wohlüberlegt und richtig sind (oder sogar wissenschaftlich erwiesen) einfach über Bord werfen, nur um den eigenen Trieben nachzugeben? Für mich funktioniert das jedenfalls nicht – dann bräuchte ich kein Hirn zum nachdenken.

Es geht auch nicht darum perfekt zu sein, sondern zu spüren wo die Zielfahne steht und wenn die Richtung mal nicht stimmt kurz inne zu halten, zu schauen was los ist und sich neu auszurichten – zu reflektieren.

Mit dem Verantwortungsgefühl als ersten Schritt kommen also Werte und echte Entscheidungen unabhängig von Trieben und Bauchgefühlen zustande. Für mich ein echtes charakterliches Wachstumsfeld.

Fazit

Ich hoffe, ich konnte ein wenig darlegen, wieso ich Verantwortung und das Verantwortungsbewusstsein so wichtig finde und wie es uns durch Bewusstmachen des eigenen Konsums gelingen kann, zu mehr Verzicht zu finden.

Es geht für mich beim Aufhalten des Klimawandels und der Verschmutzung und Ausbeutung des Planeten nicht nur darum, krampfhaft ein bestimmtes Ziel zum Stopp der Erwärmung einzuhalten (CO2 Emissionen z.B.). Für mich geht es darum, dass wir als Menschen einen Entwicklungsschritt machen, in dem wir uns fragen, was es tatsächlich braucht, um ein gutes Leben zu leben, und ob das nicht auch schon mit viel weniger Konsum funktioniert, als wir in den Industriestaaten heute haben.

Und selbst wenn sich in einigen Jahren herausstellt, dass der Klimawandel gar nicht menschengemacht ist – ist es wirklich so schlimm, dass wir uns dann mal einige Jahrzehnte eingeschränkt haben um mehr für unsere irdischen Mitbewohner und die Natur zu tun?

Ich fände es schön, wenn wir als Menschen Werte wie Gerechtigkeit, die goldene Regel, Respekt vor Mensch und Umwelt endlich Macht bzw. Karriere, persönlichem Wohlbefinden durch sofortige Bedürfnisbefriedigung und Wohlstand vorziehen.

Das wir erkennen, wo Technik wirklich sinnvoll und wertvoll ist (Medizin, erneuerbare Energien entdecken, etc.) anstatt das meiste des Kapitals für irgendwelche unsinnigen Entwicklungen oder Luxus raus zu hauen (Immer neue Handys, jeder bekommt nun ein tolles Elektroauto, wir fliegen zum Mars obwohl wir nicht mal die Erde unter Kontrolle haben, etc.).

Und ich glaube auch, dass dieses neue Bewusstsein schon angefangen hat und das viele Leute allmählich bewusster werden Dank unendlicher Informationen aus dem Internet.

Und würden wir uns dann nicht am Ende vielleicht auf eine viel reifere und bewusstere Art gut fühlen, anstatt beim Konsum und Kauf irgendwelchen Zeugs?

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