geschrieben von Daniel
„Döp dödeldi döp, dödö di döp dödeldidöp“ – der Wecker klingelt und wir schälen uns aus dem Bett, um unsere kleine Morgenroutine zu machen. Ein bisschen Yoga, ein bisschen Dankbarkeit, ein bisschen Zeit mit Gott / dem Universum oder wie man es auch immer nennen will, dann noch eine kleine Meditation und schon kann der Tag beginnen!
Daran merken wir schon, dass die Spiritualität doch langsam Einzug in unser Leben hält – und es uns gut tut, den Tag so zu beginnen.
Morgens ist es meist kühl, daher ziehe ich noch eine Jacke drüber. Die meiste Zeit arbeite ich hier aber in T-Shirt und kurzer Hose. Manchmal sogar oben ohne, denn bei dem niedrigen UV Index hier wird man sogar schön braun ohne Sonnenbrandgefahr 🙂 (So, jetzt warte ich kurz die neidischen Blicke ab…)
Ich hätte selbst nicht gedacht, dass der Unterschied zwischen Deutschland und Süd-Portugal so groß ist, was die Temperaturen angeht, aber er ist es. Während Zuhause der Schnee fällt freuen wir uns am Strand über warme 22 Grad.
Wir sind per Roadtrip hier in die Algarve gekommen – 4 Tage Autofahrt – um einerseits unsere Freunde aus Nord-Wales in einem Retreat zu besuchen. Andererseits wollten wir hier mal WWOOFing-Luft schnuppern – im Lombos Garden, einem Renaturierungsprojekt mit einer Ausrichtung auf Osho Meditationen und einem spirituelleren Lebensstil. Wie das gelaufen ist und was wir hier erlebt haben, das schreiben wir euch jetzt!
Inhaltsverzeichnis
Warum Algarve?
Was machen wir überhaupt hier unten? Das wir überhaupt hier sind hat damit zu tun, dass wir von den wunderbaren Menschen, die wir am Anfang unserer Reise bei DRU in Wales kennengelernt haben (hier geht´s zum Artikel), zu einem spirituellen Gita-Retreat eingeladen wurden. Dabei wurden die ersten vier Kapitel der Bhagavad Gita besprochen, ganz viel Zeit gemeinsam verbracht und sich untereinander ausgetauscht über Themen wie Leben, Tod, Sinn, Glaube, Gott… etc. Wie so alte Bücher eben so sind 🙂
Es war wunderbar, wir haben sehr viel gelernt, uns mit wunderbaren Menschen verbunden und wieder ein bisschen weiterentwickelt in Sachen Spiritualität und unserer Verbindung zu dem, was unbeschreiblich, unaussprechlich ist.
Doch wir wollten nicht nur für 10 Tage über 2200km fahren, das war uns dann doch zu krass. Also haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, noch mehr Zeit hier an der Algarve zu verbringen, bevor es dann Weihnachten wieder nach Hause geht. Und da haben wir über das Portal WWOOF Portugal das Projekt Lombos Garden gefunden und uns dort gemeldet.








Im Text stand etwas von meditativem Arbeiten und Osho Meditationspraxis 2x am Tag. Da dachten wir, das passt doch super, wenn wir eh gerade von einem Retreat kommen, wo es viel um Spiritualität geht, warum nicht auch noch etwas über Osho lernen und Zeit in Stille verbringen.
Das kam dann doch anders als gedacht…
Das Projekt
Neben der Ausrichtung auf Meditation ging es in diesem Projekt um das Bäume pflanzen und den Bodenaufbau. Also eine sinnvolle Sache. Hier habe ich das erste Mal in meinem Leben einen Baum gepflanzt bzw. gleich eine ganze Reihe davon. Damit die kleinen Bäumchen in diesem trockenen Land eine Chance haben wurde eine richtige „Pflanz-High-Tech“ eingesetzt. Pflanzenkohle, Feinkompost, „Waterboxes“, Schutzfolie, und und und…
Pujari, der Besitzer des großen Hauses hier, besitzt sowohl den großen Garten rund um das Haus (einige tausend qm) als auch ein Stück Land direkt gegenüber, was auch nochmal einige tausend Quadratmeter umfasst – also ganz schön ambitioniert. Im Garten wird Bodenaufbau betrieben und neben einigen Gemüsebeeten gibt es auch viele Bananenpalmen und andere heimische Pflanzen und Bäume. Eine Pflanzenkläranlage gibt es auch – echt fortschrittlich 🙂
Auf dem Land, was er erst vor knapp einem Jahr gekauft hat, will er ganz viele Bäume pflanzen. Sobald diese dann gewachsen sind wird ein essbarer Wald daraus gemacht (engl. Fachbegriff: Food-Forest), in dem Früchte auf Bäumen und andere Nutzpflanzen auf dem Boden in einem Permakulturprinzip zusammen gedeihen und einen Haufen Essen produzieren, während gleichzeitig fruchtbarer Boden aufgebaut wird. Pujari hat sich da ganz schön eingelesen und hat große Pläne.
Der Fakt, dass er schon 80 ist und dennoch auf dem Land mithilft und auch noch körperliche Meditationen mitmacht etc. zeigt, wie sehr ein ambitioniertes Ziel jung halten kann 🙂 Ein echtes Vorbild für einen lebendigen und sinnvollen – und weitgehend gesunden – Lebensabend.
Gärtner aus der Umgebung bringen Grünschnitt auf das Gelände, der dann dort zerhäckselt und in sechs Kompostboxen zusammen mit Biomüll zu fruchtbarem Kompostboden umgewandelt wird. Weiterhin werden dickere Holzstücke verbrannt und zu Pflanzenkohle umgewandelt, die dann, nachdem sie 24h in einer Wasser-Kompost-Suppe verbracht hat, auf dem Land zum Bäume pflanzen gebraucht wird.
Ein kompletter Kreislauf. Mir macht es echt Spaß hier teilzuhaben und ich erkenne sofort die Sinnhaftigkeit dahinter und den wunderbaren Kreislauf der Natur, die alles „Alte“ verwertet und zu neuem, fruchtbaren Boden macht! Vermutlich einer der sinnvollsten Jobs, die ich in meinem Leben gemacht habe.





















Neben Pujari lebt noch Luisa, eine Langzeitvolontärin, auf dem Gelände. Zwischenzeitlich sind wir 15 Helfende Gäste und man kann spüren, dass die beiden damit einfach überfordert sind. Luisa hilft Pujari bei sehr vielen Dingen aus und ist auch die Ansprechpartnerin für Alles, was natürlich eine Menge Verantwortung mit sich bringt. Leider ufert dies immer wieder in Überforderung und Überwachung aus und kreiert eine angespannte Arbeitsatmosphäre.
Anstatt die Arbeit also meditativ zu verbringen wird man an manchen Tagen alle 5 Minuten in seinem Ablauf unterbrochen, wird Zeuge einer lautstarken Auseinandersetzung oder man wird selbst Ziel von Luisas Launen. Das war der einzige echte Downer in diesem Projekt. Man merkt, dass hier dringend jemand gebraucht wird, der Luisa entlasten kann. Bei der Arbeitsatmosphäre weiß ich allerdings nicht, wer das freiwillig übernehmen möchte. Ich habe versucht mich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen, war aber nach dem Monat auch froh abzureisen und die ständige Spannung hinter mir zu lassen. Dennoch haben wir versucht, so viel es geht zu helfen und zu entlasten und Feedback zu geben, was glaube ich auch geklappt hat.
Was haben wir gelernt?
Wir haben hier wieder einiges lernen dürfen, denn im Lombos Garden ging es teilweise auf und ab mit unserer Stimmung und den Herausforderungen vor Ort.
Fangen wir mal mit den Dingen an, die wir als schön empfunden haben:
Daniel:
- Ich habe viel über den Kreislauf von Bodenherstellung gelernt und wie man am besten einen Garten anlegen und Bäume in einer Umgebung wie Portugal pflanzen kann, wo es wirklich nicht viel regnet. Ich habe vor allem den Kompost gemanaged und mich um das Schreddern von Baumschnitt gekümmert, um daraus dann Kompost herzustellen.
- Ich habe festgestellt, wie wichtig es einfach ist einen Garten zu haben, in dem man Lebensmittel anpflanzt und etwas für den Bodenaufbau tut. Ich bin zwar kein Gärtner und werde es auch nie von Herzen sein, aber mithelfen und Aufgaben wie Kompost etc. übernehmen, das kann ich mir gut vorstellen. In unserer Zukunfts-Traumgemeinschaft muss es für mich definitiv einen Market Garden geben.
- Pujari, der Besitzer, hat mich mit seinem Schaffertum inspiriert und mir gezeigt, dass man eine Vision auch einfach umsetzen kann. Er hat sich gedacht, dass es wichtig ist etwas für den Bodenaufbau und vernünftiges Gärtnern zu tun, also hat er sich das Anwesen gekauft und seitdem seine Energie ganz in dieses Projekt gesteckt – für etwas Gutes und Sinnvolles in seinen Augen. Er selbst ist bereits 80 und wird vielleicht niemals erleben, wie der von ihm gepflanzte Food-Forest erblüht – und dennoch gibt er Vollgas. Das klingt für mich schon nach Transzendenz.
- Ich habe gemerkt, wie gerne ich mich aktiv einbringe und versuche dort zu helfen, wo es Probleme gibt, um einen reibungslosen und auch schönen Ablauf herzustellen. Ich habe einfach einen Leader in mir, den ich sehr behutsam herauslassen und gewinnbringend einsetzen kann.
Es gab aber auch Dinge, die wir sehr herausfordernd fanden. Und an denen wächst man ja bekanntlich am meisten, daher würde ich sie nicht als schlecht, sondern als herausfordernd bezeichnen:
- In Gemeinschaft leben mit Menschen, die ständig wechseln, ist anstrengend. Die Reibungseffekte sind groß und wir haben auf engem Raum zusammengelebt, zumindest was den einzigen Gemeinschaftsraum anging, der auch die Küche war. Irgendwie war immer ein bisschen Chaos, weil die persönlichen Aufgaben wie Abspülen, putzen, etc. nicht erledigt wurden. Es musste ständig erinnert werden. Dennoch nicht genervt oder böse zu werden, sondern in den Menschen vor allem das Positive sehen, war eine Lektion, an die ich hier häufig erinnert wurde. Aber eine stabile Gemeinschaft ist schon eher was für mich 🙂
- Auf äußeren Druck mit Gelassenheit reagieren und wenn man getriggert wird auch mal in sich selbst hinein schauen und sich überlegen: Was triggert mich an dieser Situation eigentlich gerade?
- Hier habe ich gelernt, dass mich vor allem eine diktierende Führungsrolle triggert, von der ich ständig nur Anweisungen bekomme, die auch noch gewaltvoll (nach Marshall Rosenberg Definition) kommuniziert werden.
- Menschen, die durch den ständigen gebrauch von Wörtern wie „immer“, „alle Menschen“, „Das stimmt nicht“, etc. die Welt in schwarz und weiß einteilen und mir ungefragte Lektionen über Dinge geben, die ich mit ihnen nicht diskutieren will, will ich trotzdem versuchen zu verstehen. Aber es ist auch gesund, Mauern zu bauen, wenn man das Gefühl bekommt, hier wird einem eine Philosophie eingetrichtert, die nicht zur eigenen Wahrheit gehört. Abgrenzung ist wichtig, Verurteilung ist nicht gut.
- Während der Arbeit war man den sehr wechselhaften Launen einer der Hosts ausgeliefert, was ich sehr problematisch fand. Für den einen Monat war es okay, aber ich habe gemerkt: Wenn ich sowas längere Zeit erlebe, dann ist es wichtig Grenzen zu setzen und mit den Menschen aktiv ins Gespräch zu gehen und Veränderung zu bewirken. Es ist eben nicht alles nur in mir, sondern ich muss mich auch gegen „energetische Angriffe“ von außen schützen, indem ich Grenzen ziehe und aufzeige.
- Immer draußen im Garten oder auf dem Feld zu arbeiten ist anstrengend, aber auch sehr erdend. Ich glaube dennoch, dass ich die Dynamik und Kopflastigkeit im Office mag und in irgendeiner Form wieder in einem Büro landen und Dinge organisieren werde.
Ergänzungen von Elsa:
- Ein Tagesablauf, in den Zeit für Spiritualität, bzw. Verbindung mit mir selbst und dem Universum fest eingeplant ist, tut mir einfach gut. Es fiel mir am Ende gar nicht mehr schwer, vor dem Sonnenaufgang aus dem Bett zu kommen, meine eigene Praxis zu haben und dann eine gemeinsame Yogastunde vor Frühstück und Arbeitsbeginn zu besuchen.
- Ich darf für mich einstehen und da passiert gar nix Schlimmes. Es gab hier mehrere Situationen, in denen ich mich getraut habe, mich einzumischen, bzw. meinen Standpunkt zu verteidigen. Und das tat gut. Ich möchte hier noch lernen, das in geeigneter Form auszudrücken (z.B. mit echter gewaltfreier Kommunikation) und das regelmäßiger zu machen, aber es war ein guter Anfang.
- Yoga zu unterrichten soll ein Bestandteil meines Lebens bleiben und es noch mehr werden. Ich habe hier drei Yogastunden angeleitet, zweimal morgens und einmal ein Special am Abend zum Neumond, und es hat mir so viel Spaß gemacht und den Menschen, die mitgemacht haben, so gut gefallen. Diese Erfahrungen tun mir sehr gut und bestärken mich 🙂
- Etwas, das ich in jeder Gemeinschaft aufs Neue feststelle: es gibt so viele nette, besondere und spannende Menschen! Auch hier habe ich Menschen kennengelernt, die mich inspirieren, die ähnliche und gleichzeitig so unterschiedliche Ansichten, Wünsche und Ziele haben. Und mit ein oder zweien kann ich mir eine tiefe Freundschaft vorstellen, wenn Zeit und Raum passen. Das macht mir jedes Mal wieder Mut 🙂
Außerdem haben wir noch gemerkt, dass das Projekt dringend Unterstützung bräuchte und es für die Besitzer super wäre, wenn jemand neues sein Leben in dieses Projekt steckt und damit Belastung von Ihnen abnimmt! Da haben wir dann wieder gemerkt: Es gibt echt überall auf der Welt die Möglichkeit, mit seinem Leben etwas Sinnvolles anzustellen und es gibt überall Möglichkeiten, um einzusteigen.
Sollte dich, lieber Leser und liebe Leserin, jetzt das Gefühl überkommen genau da auch hin zu wollen und Lernen oder sogar einsteigen zu wollen – hier ist der WWOOFing Account OshoGarden. Es gibt auf jeden Fall viel Wachstumspotential für WWOOFer an diesem Platz, allein durch Umfang und Verantwortung bei den Arbeiten. Aber man muss eben mit der – aktuell eher ungesunden (unsere Meinung) – Arbeitsmentalität klarkommen.
Die wunderschöne Natur
Hier kann ich direkt man sagen, dass die Natur auf dem Land in Südportugal nicht mithalten kann mit schönen deutschen Wäldern (sofern es keine Plantagen sind).
Die Strände sind jedoch eine ganz eigene Kategorie und waren auch mit Abstand das Schönste! Daher werde ich keine großen Worte verlieren sondern einfach ein paar Bilder sprechen lassen 🙂 viel Spaß.

























Danke an alle, die unseren Blog gelesen haben und sich für das Thema Reisen und Gemeinschaften interessieren. Nächstes Jahr geht´s weiter, wir wissen noch nicht genau wie. Wir wünschen allen ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Bis bald!

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